News

Gürteltiere gegen Hausfrauen

Regina Halmich BOXSPORT Kolumne

In Ihrer BOXSPORT-Kolumne „Infight“ nimmt Regina Halmich kein Blatt vor den Mund. Lest, was die ehemalige Box-Queen zu sagen hat …

Das Thema Frauenboxen beschäftigt mich seit Jahren, und dessen Entwicklung in Deutschland ist mehr als traurig. Das muss ich einfach mal loswerden.

Es ist dieser ewige Teufelskreis aus Promotern, die nicht wirklich dahinterstehen und kein Geld für hochkarätige Kämpfe ausgeben, Gegnerinnen, die nichts kosten dürfen, und Veranstaltern, denen die Hände gebunden sind, weil sie keine großen Fernsehgelder erhalten, aber dennoch eine WM präsentieren wollen.

Ich verstehe das alles, und ich hatte damals viel bessere Voraussetzungen bei Universum Box-Promotion. Denn Weltklasse-Gegnerinnen bekommt man nicht für drei- oder viertausend Euro. Dass ein kleiner Veranstalter nicht mehr zahlen kann, ist auch verständlich.

Aber jetzt müsst ihr mich auch mal verstehen: Es kann nicht angehen, dass trotzdem „WM-Fights“ am Fließband präsentiert werden, mit hundsmiserabler Qualität. Wer will das bitte sehen? Der Zuschauer doch nicht! Da bin ich mir hundertprozentig sicher.

Wenn eine Boxerin wie ein „Gürteltier“ in den Ring steigt – mit vier, fünf sogenannten WM-Gürteln behangen – und dann zum Beispiel gegen eine übergewichtige Dominikanerin antritt, deren Fett so dermaßen über die Hose quillt, dass man sich schämt, und das Ganze dann noch als WM verkauft wird, sag ich nur Gute Nacht. Dass die karibische Hausfrau dann noch von einem Deutschen gemanagt wird, ist mit Sicherheit kein Zufall. Von ihrem Kampfrekord einmal ganz zu schweigen.

Nein, hört auf, das Publikum für dumm zu verkaufen. Eine Boxerin mit 2 Siegen und 10 Niederlagen kann nicht um eine WM boxen. So einfach ist das!

Da verwundert es nicht, wenn ein Wilfried Sauerland in Reihe eins sitzt und kopfschüttelnd feststellt, dass Frauenboxen „ekelhaft“ ist. Ja, lieber Wilfried, ich muss dir uneingeschränkt recht geben. Das ist wirklich so. Und die TV-Sender lehnen dankend ab. Zu Recht!

Wir haben das Frauenboxen mit so viel Mühe in Deutschland aufgebaut. Da werde ich wehmütig, bitte versteht das. Es gibt einige starke Boxerinnen hierzulande, keine Frage. Aber was teilweise in den Hallen präsentiert wird, ist der Sargnagel fürs deutsche Frauenboxen.

Lichtblicke sind die USA, Mexiko und England. Dort wird derzeit richtig gutes Frauenboxen geboten, mit Top-Boxerinnen wie Claressa Shields, Katie Taylor, Nicola Adams und Marlen Esparza.

Gegen Superstars ran!

Heißt: Liebe Profiboxerinnen aus Deutschland, wenn ihr eine richtige Weltmeisterschaft boxen wollt, müsst ihr gegen solche Superstars ran! Ich habe sie alle schon live gesehen und kommentiert. Glaubt mir, diese Qualität ist eine andere Liga.

Christina Hammer hat das sehr gut erkannt und sich ins Gespräch gebracht: Sie möchte gegen Shields antreten und geht in die USA, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich gratuliere zu diesem cleveren Schachzug. Auch Ikram Kerwat trainiert derzeit bei Roy Jones Jr. – es funktioniert also! Und das beruhigt meine Seele und mein Kämpferherz.

Aller Ehren wert war auch der Auftritt von Nina Meinke im Wembley-Stadion. Ja, es war wohl ein paar Kämpfe zu früh für sie. Aber die Berlinerin kann in den Spiegel schauen und mit Stolz behaupten, dass sie einen „echten“ Kampf bestritten hat.

Und deshalb bleibe ich dabei: Frauenboxen kann Weltklasse und sehenswert sein!

In diesem Sinne, alles Liebe,

eure Regina

 

Zur Person: Regina Halmich war von 1995 bis 2007 WIBF-Weltmeisterin im Fliegengewicht und lockte bei ihren Fights bis zu 9 Millionen Zuschauer vor die TV-Schirme. Bis heute verfolgt sie den Boxsport intensiv und ist regelmäßig als Expertin und Kommentatorin im Einsatz.
 
Die Kolumne von Regina Halmich lesen Sie regelmäßig in BOXSPORT – die aktuelle Ausgabe gibt's jetzt am Kiosk!

Quelle: 

Foto: Claudio di Lucia

Kontakt

Köln.Sport Verlag GmbH
Redaktion BoxSport

Schanzenstraße 36, Geb. 31
51063 Köln
Deutschland

Tel: +49 221 91 27 99 - 0
Fax: +49 221 91 27 99 - 129

E-Mail: redaktion@box-sport.de