Anthony Joshua zeigte gegen Prenga Schwächen, aber auch enorme Widerstandskraft. Für Trainer Sergey Lapin zählt vor allem die Reaktion des früheren Weltmeisters.

Anthony Joshuas dramatischer Sieg gegen Kristian Prenga hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Während der frühere Schwergewichtsweltmeister in der zweiten Runde mit einem spektakulären Knockout für eines der eindrucksvollsten Finishes seiner Karriere sorgte, warf vor allem sein schwacher Start Fragen auf. Joshua wurde bereits im ersten Durchgang schwer zu Boden geschickt, musste einen weiteren Niederschlag überstehen und wirkte zwischenzeitlich mehrfach unsicher auf den Beinen. Gegen einen Gegner, der im Vorfeld kaum als ernsthafte Gefahr eingeschätzt worden war, geriet der 36-Jährige damit unerwartet nah an eine Niederlage.
Sein Trainer Sergey Lapin will den Auftritt dennoch nicht auf diese schwierigen Minuten reduzieren. „Man kann einen Kämpfer nicht anhand einer einzigen Runde beurteilen“, erklärte er. „Die erste Runde liefert Informationen, aber noch kein endgültiges Urteil. Natürlich gab es Dinge, die uns nicht gefallen haben und die wir genau analysieren werden.“ Entscheidend sei vielmehr gewesen, wie Joshua auf die Probleme reagierte. „Das Wichtigste ist, dass er sich angepasst, während des Kampfes Veränderungen vorgenommen und gewonnen hat. Die Fähigkeit, unter Druck Lösungen zu finden, unterscheidet große Champions von allen anderen.“
Joshua muss sich auch mental erholen
Der Kampf gegen Prenga war Joshuas erster Auftritt seit dem schweren Autounfall in Nigeria, bei dem zwei seiner engsten Freunde ums Leben kamen. Lapin betonte, dass ein solches Erlebnis nicht nur körperliche, sondern auch psychische Spuren hinterlasse. „Ich bin kein Arzt und werde deshalb keine medizinischen Schlüsse ziehen. Aber jeder, der einen solchen Unfall erlebt hat, muss sich nicht nur körperlich, sondern auch mental erholen“, sagte Lapin. „Viel wichtiger ist es, darauf zu schauen, was er zurückgewonnen hat – und nicht darauf, was er möglicherweise verloren hat.“
Joshua habe den Mut gefunden, an den Ort zurückzukehren, an dem der Druck am größten sei und an dem sich ein Boxer nicht verstecken könne. „Er hat Freunde verloren und damit auch einen Teil von sich selbst. Trotzdem ist er wieder in den Ring gestiegen. Das sagt sehr viel über seinen Charakter, sein großes Herz und seine Liebe zum Boxsport aus.“ Hinter den Kulissen habe Lapin keinen gebrochenen Mann gesehen. Vielmehr habe Joshua begonnen, wieder an sich selbst zu glauben. „Das ist aus meiner Sicht sogar wichtiger als der Sieg. AJ ist nicht nur ein Kämpfer. Er ist ein echter Mann.“ Sportlich soll der Erfolg gegen Prenga weiterhin den Weg zum lang erwarteten Duell mit Tyson Fury ebnen. Bevor es dazu kommt, dürfte Joshuas Team jedoch vor allem die Schwächen aus der ersten Runde genau analysieren müssen.
Text von Robin Josten