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Die Boys von Bukom

Wenn Fans über die Box-Hotspots dieser Welt fachsimpeln, fällt immer wieder ein Name: Bukom. Was aber macht die ärmliche Siedlung in Afrika zu einem solch mystischen Ort? BOXSPORT hat sich auf Spurensuche begeben.

Text: Frank Schwantes

Manche sagen, das wahre Mekka des Boxens liege nicht in Las Vegas, sondern an der Westküste Afrikas. Die Rede ist von Bukom. In diesem Slum, am Rande von Ghanas Hauptstadt Accra, leben rund 20.000 Menschen – auf einer Fläche, die gerade einmal so groß ist wie drei Fußballfelder. Der Wind weht eine salzige Meeresbrise herüber, die Luft ist rauchig und geschwängert vom Geruch nach Fisch. Die Fischerei sichert vielen Menschen in dieser ärmlichen Barackensiedlung das tägliche Überleben. Aber leben tut man in diesem Labyrinth aus zahllosen Blechdächern und offenen Kanälen eigentlich nur für eines: das Boxen.

Der Fotograf Ray Demski hatte auf seinen Reisen bereits viele Geschichten über diesen mystischen Ort an der „Gold Coast“ gehört. Geschichten von Champions, die in Bukom den Faustkampf erlernten, bevor sie in die Welt hinauszogen, um erfolgreich zu werden. Also machte sich Demski auf nach Ghana, um die „Boys von Bukom“ kennenzulernen. Dabei schoss der gebürtige Kanadier packende Bilder, die dieser BOXSPORT-Reportage zu Grunde liegen. „Besonders fasziniert hat mich dabei, wie die Gyms in Bukom die Rolle übernehmen, eine Art Gemeinschaft aufzubauen“, erzählt Demski begeistert.

Bukom, dieser boxverrückte Slum im Süden der Millionenmetropole Accra, verehrt seine Kämpfer wie Helden. Es ist ein Ort, an dem Champions gemacht werden – und David Kotei ist einer von ihnen. Unter dem Kampfnamen „D.K. Poison“ war er der erste Afrikaner überhaupt, der einen Weltmeister-Titel im Profiboxen gewinnen konnte. Der Federgewichtler aus Bukom, der schon mit 16 Jahren Profi wurde, besiegte am 20. September 1975 Mexikos Box-Idol Ruben Olivares in Inglewood (USA) und holte sich den Gürtel des World Boxing Council (WBC). Die ghanaische Regierung schenkte Kotei daraufhin ein großzügiges Anwesen in einem gehobenen Vorort von Accra. Als das Land wenig später unter eine schweren Wirtschaftskrise litt und viele Ghanaer hungerten, lieh der Champion den Machthabern eine Summe von 45.000 Dollar, um die Not im Volk zu mildern. Geld, das Kotei nie zurückerhalten hat.

Aufstieg übers Boxen

Wer die Box-Begeisterung in Bukom verstehen will, muss auch auf dessen Geschichte und Kultur schauen. Die Bevölkerung in der Region um Accra setzt sich größtenteils aus dem Volk der Ga zusammen. Diese Ethnie praktizierte sportliche Wettkämpfe, den Kampf Mann gegen Mann, schon lange bevor die Briten den Boxsport in die Region brachten. „Bukom ist kein einfaches Viertel und die Ga sind für ihren Kampfgeist bekannt“, berichtet Ray Demski. „Jeder hat einen lokalen Champ, geht zu dessen Kämpfen und unterstützt ihn auch beim Training. Das ist ausgesprochen inspirierend.“ Und wer in die Klasse der lokalen Champion-Boxer aufsteigt, gehört zu den am meisten respektierten Personen der Stadt.

Ein echter Weltmeister mit großem Ruf war Azumah Nelson. „Bukom ist wie das Überleben des Stärkeren“, sagt der 60-Jährige über seine Heimat. „Wenn du hier als Kind aufwächst, musst du kämpfen, um Nahrung zu finden und Geld zu verdienen. Das macht dich hart.“ Viele sehen in Nelson – Spitzname „Der Professor“ – gar den besten afrikanischen Boxer aller Zeiten. 1984 schaffte der spätere Hall-of-Famer die Sensation, als er im Duell um die Federgewichts-WM Wilfredo Gomez in dessen puertoricanischer Heimat ausknockte. Nelson kürte sich in den 1980er- und 1990er-Jahren insgesamt drei Mal zum Champion und wurde so zu einem Volkshelden in Ghana.

An seine eigene Kindheit in Bukom kann sich Azumah Nelson noch gut erinnern. „Wenn zwei Männer oder Jungs auf der Straße stritten, sagten die Leute: Streitet nicht. Hört auf zu reden. Boxt es einfach aus.“ Und diese Art der Konfliktlösung zählt bis heute auf den Straßen Bukoms.

Auch Joshua Clottey lernte früh das Boxen in den Straßen von Bukom. Später gewann er den WM-Titel der International Boxing Federation (IBF) im Weltergewicht, mit einem Sieg gegen Zab Judah (USA) 2008 in Las Vegas. Auch mit Ring-Legenden wie Miguel Cotto, Manny Pacquiao und Antonio Margarito kreuzte der „Boy aus Bukom“ die Fäuste. Heute lebt Clottey in der New Yorker Bronx, kehrt aber regelmäßig in seine Heimat zurück.

„Wenn du in Bukom in ein Gym gehst, gibt es kaum vernünftige Boxsäcke. Die Räumlichkeiten sind in einem miesen Zustand, es gibt auch keine Speedbälle zum Trainieren. Es gibt eigentlich nichts, und das ist schrecklich“, sagt der Ex-Champion. Aber eines sei sicher, erklärt Clottey: „Wenn du zu Bukom gehörst, geht es immer ums Kämpfen, und davor haben wir keine Angst. das geht unser ganzes Leben lang so, bis wir eines Tages sterben. Es ist wie in einem Boxkampf: Wenn du Angst hast, hast du verloren. Wenn du keine Angst hast, macht dich das hart und du gewinnst.“

Boxen ist Lebenselixier

Dabei steht in Bukom eine ganze Gemeinde hinter seinen Fightern. „Jeder Athlet hat seinen eigenen Ring von Fans, die singen und ihn beim Training anfeuern“, berichtet der Fotograf Ray Demski, der früher selbst Box- und Kampfsport betrieben hat. „Es war einfach unglaublich zu sehen, welche Energie und Unterstützung die Menschen sich hier gegenseitig geben.“

Boxen ist das Lebenselixier in Bukom. Die Leute sind getrieben vom Stolz auf die großen Söhne und zukünftigen Champions. Wenn die „Boys von Bukom“ kämpfen und trainieren, tun sie das mit derselben Leidenschaft wie jeder andere Boxer auf der Welt auch. Sie schwitzen und bluten genauso für ihren Sport, sie tragen dieselben Cuts und die dieselben Schwellungen davon. Doch mit dem Unterschied, dass anderswo auf diesem Planeten manche Boxer Millionensummen für ihre Fights kassieren.

So startet das Training der künftigen Champions von Bukom schon in jungen Jahren. „Ich gehe jeden Tag in den Ring und fürchte dabei niemanden“, sagt der zwölfjährige Theo, der mit seinem jüngeren Bruder Prince jede freie Minute in einem der Gyms verbringt. „Ich fürchte keinen einzigen Schlag“, sagt er selbstsicher. „Wenn es jemand versucht, weiche ich aus und kriege ihn.“

„Ich war ein Dieb“

Doch das Training in den Boxstudios muss auch in Bukom finanziert werden. „Ich zahle eine Gebühr, damit die Jungs trainieren können“, bestätigt Theos Vater. „Mit dem Geld, das ich beim Fischen verdiene, unterstütze ich die beiden.“ Warum er unbedingt wolle, dass seine Söhne Boxer werden? „Wenn sie nicht mehr weiter zur Schule gehen können, können sie damit etwas in ihrem  Leben erreichen. Und dass sie sich  in Zukunft um mich kümmern können, wenn es nötig ist.“

Der Abend dämmert langsam in Bukom. Auf einem Platz in der Barackensiedlung steht unter freiem Himmel ein Boxring. Die Zuschauer drängen sich an den Seilen, auch die Talentscouts sind schon da. Dann steigt Prince in den Ring, mit Handschuhen und Kopfschutz boxt er gegen einen anderen Jungen. „Er hat behauptet, er kann mich schlagen. Darauf habe ich ihm gesagt: Du bist ein Niemand. Ich werde dich heute umbringen.“ Im Ring packt Prince dann alles aus: Power Punches, platzierte Haken und Jabs, dazu gekonnte Meidbewegungen. Am Ende ist Prince der klare Sieger. „Ich wusste, dass er nicht mithalten kann“, sagt er. Dennoch hat er anschließend für seinen Gegner eine respektvolle Umarmung übrig.

Als einer der härtesten Boxer von Bukom gilt Emmanuel Tagoe. Der 29-Jährige führt einen Kampfrekord mit 28 Siegen (eine Niederlage), davon die Hälfte durch K.o. Ende 2016 gewann der Leichtgewichtler mit dem Kampfnamen „The Gameboy“ in der „Bukom Boxing Arena“ den WM-Gürtel der Internatinal Boxing Organization (IBO). „Dies ist meine Botschaft an die gesamte Nation: Ich bin bereits ein Weltmeister“, erklärt der stolze Champion.

Doch daran war vor einigen Jahren nicht zu denken – eher, dass Emmanuel im Gefängnis landet. Doch er schaffte den Wandel vom Kriminellen zum Kämpfer. „Ich war ein Dieb. Ich habe eine Menge üble Sachen gemacht“, gesteht er. „Ich habe nichtsahnenden Menschen vorgelogen, ich sei ein Medizinmann und könne Probleme lösen. Damit habe ich sehr viel Geld kassiert.“ Als die Mutter das viele Geld findet, bricht sie schreiend zusammen. „Sie war so angeekelt, dass sie sogar versucht hat, meinen Reis zu vergiften.“ Von da an entschied sich der „Gameboy“, das Boxen ernsthaft zu betreiben. Und wurde zu einem weiteren Vorbild für die „Boys von Bukom“.

Es ist Sonntagmorgen an der „Gold Coast“, die Sonne geht gerade auf. Am Strand haben sich hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene versammelt und betreiben gemeinsam Morgen-Fitness. Dabei wird in größeren Gruppen gejoggt, gesprintet, Gymnastik oder Schattenboxen gemacht. Hier an der Westküste Afrikas befindet sich das wohl größte Openair-Gym der Welt. Ein faszinierendes Bild, dass symbolisch steht für den „Way of Life“ in Bukom.

Foto: 

Ray Demski