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News

Canelo Alvarez: Mit aller Macht

Canelo Alvarez (l.) besiegte mit Daniel Jacobs im Mai 2019 einen seiner zahlreichen Spitzengegner und vereinigte damals drei Gürtel im Mittelgewicht
Canelo Alvarez (l.) besiegte mit Daniel Jacobs im Mai 2019 einen seiner zahlreichen Spitzengegner und vereinigte damals drei Gürtel im Mittelgewicht

Ausnahmeboxer, Kassenmagnet, Selbst-Promoter: Saul Alvarez ist der größte Box-Star der Gegenwart. Früher ein Mobbingopfer, ist „Canelo“ heute ein Angstgegner im Ring. Über den Aufstieg zum Pound-for-Pound-King – und dessen Zukunftspläne.

Als Callum Smith am 19. Dezember im „Alamodome“ von San Antonio gegen Saul „Canelo“ Alvarez antritt, gilt der Brite als aktuell bester Weltmeister im Supermittelgewicht. Stolze 18 Zentimeter überragt der 1,91 Meter große Super-Champ der WBA seinen Herausforderer, doch vom daraus resultierenden Größenvorteil sieht man im Kampf wenig. „Mundo“ hat großen Respekt vor dem mexikanischen Power-Puncher. Vielleicht sogar zu großen, denn der kleinere Boxer diktiert den Rhythmus des Kampfes – an dessen Ende es für Smith in erster Linie darum geht, neben der ersten Niederlage nicht auch den ersten Knockdown oder gar K.o. seiner Profikarriere einstecken zu müssen. Mit Punktwertungen von 119:109, 119:109 und 117:111 gewinnt Canelo am Ende klar und erhält neben Smiths WBA-Super-Titel auch den vakanten Gürtel des WBC.

Doch der Überflieger will mehr: Er will der erste Undisputed Champion im Supermittel in der Box-Geschichte überhaupt werden und arbeitet mit seinem Fight gegen den Engländer Billy Joe Saunders schon am nächsten WM-Titel im Limit. Ein zukünftiger Hall-of-Famer ist Canelo eh, noch dazu sein eigener Promoter, amtierender Pound-for-Pound-King und laut Experte Dan Rafael „der größte Star des Boxens“. Kurzum: Alvarez ist der aktuell mächtigste Boxer der Welt. Doch diesen Status hat sich der 30-Jährige im und außerhalb des Rings hart erkämpfen müssen.

Sieben Brüder, eine Schwester

Alvarez kommt am 18. Juli 1990 als jüngstes von insgesamt acht Kindern in der Millionenmetropole Guadalajara im Westen Mexikos zur Welt. Er wächst mit sechs älteren Brüdern auf, die alle Boxer werden. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern erbt Saul die leuchtende Haarfarbe seiner Mutter, was jedoch nicht unbedingt ein Vorteil ist. Den Rotschopf mit den Sommersprossen betrachten viele als Außenseiter, was sie ihn spüren lassen. „Canelo“ ist das spanische Wort für „Zimt“, eine häufige Bezeichnung für rothaarige Mexikaner und oft ein Spott- oder Schimpfname. In der Familie muss mit angepackt werden: Bereits mit sieben Jahren hilft Canelo seinem Vater, einem Eishändler, aus und verkauft dessen Ware. Saul ist ein schüchternes Kind. Als der Junge von seinem Vater das erste Mal mit den süßen Erfrischungen an einen Busbahnhof geschickt wird, kehrt er mit einem Eimer zurück. Darin befinden sich Wasser und geschmolzenes Eis – Canelo traute sich nicht, in einen Bus zu steigen und Eis zu verkaufen. Die Schule interessiert den Außenseiter wenig. Die Schwester schließt ihn daheim ein, damit er wenigstens seine Hausaufgaben macht. Doch Saul büxt lieber durch die Waschküche aus, um sich anderen Hobbys wie Pferden oder Fußballspielen zu widmen. Eigentlich will er Fußballprofi werden.

Wegen seines Aussehens wird der Junge weiter gemobbt. Eines Tages ist bei Saul eine Grenze erreicht: Als ihn ein Nachbarsjunge zum wiederholten Male hänselt, verprügelt der Schüler den wesentlich größeren Peiniger. Von da an lässt Canelo auch sonst jeden seine Fäuste schmecken, der ihn beleidigt. „Über 100 Straßenkämpfe“ habe er bestritten, erzählt der Boxprofi später gegenüber „Boxing News and Views“. Sein ältester Bruder Rigoberto schenkt ihm Box-Handschuhe und einen Kopfschutz, und mit elf Jahren beginnt Saul das Training im „Julian Magdaleno Gym“, wo das Vater-Sohn-Trainerduo aus Chepo und Eddy Reynoso auf den Rotschopf aufmerksam wird. Auch sie nennen ihn „Canelo“ – doch aus ihrem Munde klingt es wie eine Ehre. Saul deutet den Schimpf- zum Kampfnamen um. Er wird schnell zum Shootingstar, verprügelt mit 14 im Ring bereits erwachsene Männer. Schnell gehen dem Talent die Gegner aus. „Niemand wollte bei den Amateuren gegen mich boxen“, erinnert sich Canelo Jahre später in einem DAZN-Interview. Mit 15 wird Alvarez gezwungenermaßen Profi.

Der „neue“ de la Hoya

Von seinen ersten 13 Profikämpfen gewinnt er elf per K.o., ein Unentschieden ist darunter. Laut Chepo- Reynoso sammelt sein Schützling in dieser Zeit noch zehn weitere, undokumentierte K.o.-Siege an kleinen Veranstaltungsorten. Doch nach Auffassung des Trainers hat es keinen Sinn, um eine Korrektur des Kampfrekords zu bitten, da die Buchhaltung in diesen Locations eine Katastrophe sei. Für seinen ersten Profifight erhält Canelo 800 Peso (umgerechnet rund 30 Euro), von denen die Hälfte jedoch in Tickets für seine Familie ausgezahlt wird. Bald ist der Jüngling mit dem harten Schlag nicht nur für seine Familie, sondern auch für die mexikanischen Medien ein Star: Televisa, der größte spanisch-sprachige Medienkonzern weltweit, vermarktet den Boxer als „neuen“ Oscar de la Hoya.

In dieser Zeit wird auch der echte Oscar de la Hoya auf seinen potenziellen Nachfolger aufmerksam. 2010 holt die Box-Legende den Top-Prospect in seinen Stall Golden Boy Promotions und bringt ihn auf die große Box-Bühne. Nur ein Jahr später gewinnt der Nachwuchsstar seinen ersten WM-Titel (WBC) im Halbmittel gegen Matthew Hatton – zu dem Zeitpunkt ist Canelo gerade einmal 20 Jahre alt. Sechs Mal in Folge verteidigt er den WBC-Gürtel erfolgreich – unter anderem gegen den Ringveteranen Shane Mosley, den er in zwölf Runden einstimmig nach Punkten besiegt. Der Fight findet auf der Undercard von Floyd Mayweather vs. Miguel Cotto statt, bald fordert Canelo ein Duell gegen den amtierenden- Pound-for-Pound-King, doch dieser lehnt ab. Als die Ticketverkäufe bei Mayweather vs. Robert Guerrero sinken, gibt der Money-Man nach.

Mit dem Mayweather-Fight kann Canelo in die Fußstapfen seines Mentors Oscar de la Hoya treten, der 2007 gegen den Pound-for-Pound-King knapp durch Split Decision verlor, mit dem Fight jedoch einen Rekord an Pay-per-View-Käufen aufstellte. Doch der Musterschüler kann keine Revanche für seinen Lehrer nehmen. Im Ring weicht Edeltechniker Mayweather den Schlägen des mexikanischen Power-Punchers geschickt aus und gewinnt per Majority Decision. Die Niederlage ist jedoch alles andere als ein Rückschlag für Canelo. Die Pay-per-View-Käufe erreichen fast das Niveau von Mayweather vs. de la Hoya, während der Rotschopf den Fight als Lehrstunde nimmt und seinen Stil verfeinert. Seine Star-Power ist derweil endgültig bewiesen. Bald bezwingt Canelo mit Namen wie Erislandy Lara, Miguel Cotto und Amir Khan einen Weltklassegegner nach dem anderen.

Trotz seines Erfolgs ist Canelo nicht „Everybody‘s Darling“, auch nicht in der Latino-Gemeinde. Sein taktisch überlegter Box-Stil mit der Suche nach Kontermöglichkeiten wird von manchen Verfechtern des klassischen „Mexican Style“ – zwei einstecken, dafür drei austeilen – geringgeschätzt. Manche werfen Canelo vor, dass seine Gegner nur handverlesen seien, im Fall von Shane Mosley oder Miguel Cotto beispielsweise über den Zenit hinaus. Der Star ist dabei nicht immer hilfreich. Etwa mit seiner Vorliebe für Catchweight-Fights, also außerhalb der üblichen Limits, von denen er in den Jahren 2014 bis 2016 fünf in Folge bestreitet und das System der Gewichtsklassen ad absurdum führt. Vor allem nimmt man es ihm übel, als er gegen Mittelgewichts-Dominator Gennady Golovkin ebenfalls nur im Catchweight boxen will und 2016 lieber seinen WBC-Titel im Mittelgewicht niederlegt, als gegen „Triple-G“ zu kämpfen.

Nach seinem Punktsieg über Julio Cesar Chavez jr. am 6. Mai 2017 kündigt Canelo noch im Ring gemeinsam mit Golovkin dann doch den heiß erwarteten Showdown an. Am 16. September 2017 ist es endlich so weit; am Ende des Duells steht ein Unentschieden, das manche Beobachter als Betrug an dem schlagstarken Kasachen sehen. Es soll zum Rematch kommen. Doch im Vorfeld des Rückkampfes wird der Mexikaner positiv auf das Dopingmittel Clenbuterol getestet. Canelo kommt mit einer sechsmonatige Sperre davon und kann das Rematch gegen „Triple-G“ im September 2018 bestreiten. Dieses Mal gewinnt er per Majority -Decision, wieder ist das Ergebnis umstritten.

Danach unterschreibt der Pay-per-View-Star den größten TV-Deal im Boxen aller Zeiten: Streaming-Dienst DAZN garantiert Canelo 365 Millionen Dollar für zehn Kämpfe. Der Mexikaner wechselt von da an zwischen den Limits hin und her. Er besiegt Rocky Fielding im Supermittel-, Daniel Jacobs im Mittel- und Sergey Kovalev im Halbschwer. Als ein Fight im September 2019 nicht zustande kommt und Canelo sein IBF-Mittel-Gürtel aberkannt wird, gibt er seinem Promoter die Schuld. „Ich und meine Fans sind wütend, dass das IBF mir unfairerweise meinen Gürtel entzogen hat. Vor allem, da ich keine Ahnung von der Abmachung hatte, die der Golden-Boy-Matchmaker unterschrieb“, postet er auf seinen Social-Media-Kanälen.

Reich an Geld und Kindern

Die frühere Traumpartnerschaft bekommt Risse, als Canelo das Gefühl hat, dass ihn die Vereinbarungen mit Golden Boy und DAZN aus dem Ring fernhalten. „Ich werde nicht zulassen, dass Fehler meines TV-Partners oder meines Promoters verhindern, dass ich in den Ring steige“, schreibt der Mexikaner in einem Statement. Er verklagt beide Partner im Herbst 2020 auf Schadenersatz, wird nach außergerichtlicher Einigung aus dem Vertrag entlassen. Nun ist er ein „Free Agent“, kann sich seine Gegner und seine Kämpfe selbst aussuchen. Für seine nächsten Fights gegen Callum Smith, einen chancenlosen Avni Yildirim und Billy Joe Saunders kooperiert er mit der englischen Promotion „Matchroom Boxing“ und DAZN. Als der 140 Millionen Dollar schwere Star für seine Firma Canelo Promotions, die er gemeinsam mit Coach Eddy Reynoso führt, eine eigene Promoter-Lizenz in Nevada bekommt, macht ihn das wohl endgültig zum mächtigsten Boxer der Welt: King Canelo kann ab sofort im Box-Mekka Las Vegas Hof halten und Rekord-Kohle machen. Ähnlich wie „Money“ Mayweather, sein Vorbild und Vorgänger auf dem Pound-for-Pound-Thron, der sich 2006 von Top Rank lossagte und dann nur noch auf eigene Rechnung boxte. Reich ist der König des Rings auch an Kindern: Er hat drei Töchter und einen Sohn von vier verschiedenen Frauen. Er ist mit Fernanda Gomez, der Mutter seiner jüngsten Tochter Fernanda, liiert, aber nicht verheiratet.

Canelos Kritiker sind immer noch nicht verstummt. So werfen sie ihm ein Mismatch gegen den hoffnungslos unterlegenen Yildirim vor. Doch das WBC hatte die Titelverteidigung angeordnet, sonst hätte der Champ deren Gürtel verloren. Dann ist da noch die Liste von Angstgegnern, die der Star angeblich meidet. Trotz zweier umstrittener Urteile gehe er einem dritten Kampf gegen Golovkin aus dem Weg. Im Supermittel sei eigentlich Ex-WBC-Champ David Benavidez die große Herausforderung. Und nach dem Kovalev-Sieg 2019 sei er nicht im Halbschwer geblieben, da er sich vor Artur Beterbiev und Dmitry Bivol drücke. „Die, die nicht an mich glauben, wollen mich verlieren sehen. Wenn nicht in dieser Gewichtsklasse, dann werden sie eine andere nennen“, entgegnet Alvarez. Doch König Canelo hat sich damit abgefunden und weiß: Wer auf dem Thron sitzt, dem wird er nicht von jedem gegönnt.

Text: Nils Bothmann

Dieser Text erschien zuerst in Ausgabe 04/21.

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