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Interview mit Regisseurin Antje Drinnenberg zu „Lionhearted“

Interview mit Regisseurin Antje Drinnenberg zu „Lionhearted“
Interview mit Regisseurin Antje Drinnenberg zu „Lionhearted“

Heute, am 23. September, läuft die Dokumentation „Lionhearted – Aus der Deckung“ an, die von der Reise der Boxer von 1860 München nach Ghana erzählt. Regisseurin Antje Drinnenberg beantwortet einige Fragen zu dem Film, der auf dem Filmfest München seine Premiere feierte.

Wie kam es zum Film „Lionhearted“, wie kamst du zu diesem besonderen Thema?

Es war ein wunderbarer Zufall. Auf einer Reise durch Mali und den Senegal erzählte mir ein befreundeter Journalist immer wieder außergewöhnliche Geschichten von seinem Box-Trainer Ali Cukur. Zum Beispiel, dass Mütter unter Tränen bei ihm anrufen und ihn darum bitten, sich ihrer Söhne im Training anzunehmen, weil ständig die Polizei bei ihnen Zuhause aufkreuze.
In Alis Club in München trainieren mehr als 30 Nationen, darunter auch Jugendliche, mit recht kruden Wertvorstellungen, Typen, die häufig Stress auf der Straße haben, sich von niemanden etwas sagen lassen. Doch Cukur schaffe es auf besondere Art und Weise, diesen Jugendlichen etwas abzuverlangen, was bis dahin kein Sozialarbeiter, kein Jugendrichter geschafft habe: Ernsthaft zuzuhören, nachzudenken und langfristig auch ihr Handeln zu verändern. Mein Freund sagte den Satz:
„... und dann kommen diese Jungs mit gesenktem Kopf zum Training, finden hier einen Halt und tun dann alles dafür, ein Teil dieser Boxgemeinschaft sein zu dürfen. Die fühlen sich dort zum ersten Mal in ihrem Leben aufgehoben.“
Das hat mich neugierig gemacht. Ich wollte wissen, wie Cukur ihr Vertrauen gewinnt, wie er es schafft, so eine starke Verbindung aufzubauen und ihre Potenziale zu aktivieren.

Was ist für dich die Essenz von „Lionhearted“?

To be lionhearted heißt: mutig zu sein. Ali Cukur ist für mich ein mutiger Mensch, weil er sich nicht von dominantem, machohaften Gehabe abschrecken lässt. Es scheint so, als könne er seinen Schützlingen direkt ins Herz schauen. Er scheint zu sehen, was sie wirklich brauchen: Ein Lob, einen Dämpfer, einen Sparringspartner, der sie aufbaut oder auch mal auf etwas schmerzhafte Weise auf den Boden holt.
Auch der Mut der Jugendlichen hat mich fasziniert, dass sie sich trauen, sich auf so eine intensive Verbindung mit Ali einzulassen.
Ali Cukur gibt jedem, der in seinen Club kommt, genau dieses Gefühl: „Gut, dass du dabei bist! Auf jemanden wie dich, haben wir hier gewartet. Ich bin sicher, du hast hier einiges zu geben!“ Das ist für viele Jugendliche ein völlig neues Gefühl und führt – wie eine sich erfüllende Prophezeiung – dazu, dass sich die Boxer- und Boxerinnen anstrengen. Und wenn er sie dann in seinen Bann gezogen hat, verlangt er, dass sie sich anpassen, Regeln einhalten, diszipliniert sind, andere unterstützen und sich vor allem respektvoll verhalten. Neben den aufbauenden Worten gibt es so auch immer wieder lautstarke Standpauken oder Strafliegestütze.
Die Jugendlichen merken, dass Ali Cukur es ernst mit ihnen meint, dass er ehrlich zu ihnen ist. Dadurch setzt er große Kräfte frei. So wie bei Burak, einem unserer Protagonisten. Er war kurz davor, komplett durchs gesellschaftliche Raster zu fallen, sich zum schwer integrierbaren Schläger zu entwickeln. Durch die jahrelange Führung von Ali hat er es geschafft, sich selbst zu stabilisieren und eine neue Arbeitsstelle zu finden. Heute ist er ein zugänglicher, verlässlicher Typ, der in Alis Boxclub mit Hingabe die Kleinsten trainiert, die 6-12 -jährigen Kinder der Bambino-Box-Gruppe.

Boxen wird oft mit Gewalt/Schlägertypen assoziiert, dein Film zeigt uns da eine ganz andere Geschichte…

Boxen ist eine gute Möglichkeit für die Jugendlichen, sich zu beweisen. Zu zeigen, was sie draufhaben. Ganz unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrer Vergangenheit.
Klar hat diese archaische Sportart etwas sehr Brutales und Raues. Das sind existenzielle Situationen im Ring.  Eine Art verdichteter Überlebenskampf, wenn man so will.
Dieser Kampf ist aber ganz nah dran an der Lebensrealität vieler Jugendlicher: Sie haben mit sich zu kämpfen, mit ihrem Umfeld oder erleben ganz real auch Kämpfe auf der Straße.
Und für die, die aus stabilen Verhältnissen kommen, wie ein Großteil der Jugendlichen im Club, ist das Box-Training einfach eine gute Möglichkeit zu lernen, mit Schmerzen umzugehen, Respekt, Fairness und Disziplin zu trainieren. Boxen als die zeitgeistige Kunst, seinem eigenen Schatten zu begegnen.
Gemeinsam üben die Jugendlichen, nicht die Kontrolle zu verlieren, sich nicht provozieren zu lassen. Für manche von Ihnen ist das Training und der Umgang mit Ali überhaupt wieder ein Weg zurück in die Gesellschaft.

Du hast sehr eng mit Ali Cukur zusammengearbeitet, wie fandet ihr zusammen, was verkörpert Ali für dich?

Er ist weit mehr als ein Trainer. Er ist Vorbild, eine Vaterfigur und Ich glaube, dass er eine besondere Gabe besitzt, die viele Menschen haben, die aber weithin leider gerne unterschätzt ist: ein überdurchschnittlich feines Sensorium für soziale Interaktionen, die Empathie.
Ali spürt genau, mit welchen Sorgen die Jugendlichen zu kämpfen haben, nimmt ihre Wut wahr und geht darauf ein. Gleichzeitig macht er aber auch klar: jedes Gefühl ist okay, aber nicht jedes Verhalten!
Wie Raschad das im Film so schön beschreibt: „Selbst wenn du der schlimmste Finger von ganz München bist, Ali nimmt dich trotzdem auf.“
Und dass sie hier von null anfangen können, das spüren die Jugendlichen.
Ein typischer Satz von Ali ist: „Junge! Ein Ehrenmann bist du, wenn du endlich deine Lehre abschließt und nicht, weil du Deutscher oder Türke bist. Wir sind hier im Jugendtraining und nicht im Kindergarten.“ 
Und ich glaube dieser unerschütterliche Glaube an Kooperation, gepaart mit klar aufgestellten Regeln, ist hier von zentraler Bedeutung.
Für mich ist der Ali ein wahrer Held unserer Gesellschaft.

Wieso ist der Film für dich politisch und aktuell?

Der Film portraitiert Menschen, die zeigen, wie wir die Probleme unserer Zeit konstruktiver angehen könnten. Viele sind gestresst und wütend, weil sie sich überfordert fühlen, sie das Gefühl haben, mit ihren Bedenken und Sorge nicht mehr wahrgenommen zu werden. Die nicht mehr sehen, was Ihnen demokratische Spielregeln bringen sollen und dann ihrer Wut unkontrolliert rauslassen.
Ich hatte den Eindruck, dass sich in dem Box-Club auf kleinster Ebene Mechanismen abspielen, die von universeller Beispielhaftigkeit sind: dass ein intuitiv agierender Boxtrainer genau das macht, was ihm Zusammenhang mit problematischem Verhalten auf größerer, gesellschaftlicher Ebene wichtig wäre. Nämlich den anderen trotz seiner konträren Meinung ernst zu nehmen, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen und gleichzeitig langfristig einen Plan zu haben, das Gegenüber dazu zu bringen, sich wieder als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen und sich an deren Regeln zu halten. Durch intrinsische Motivation, durch die Erfahrung, wie gut es tun kann, wenn man sich als wirksamer Teil eines Ganzen begreift. Durch innere Überzeugung, nicht durch Zwang. Das ist gelingende Integration, nicht nur von jungen Deutschen oder Migranten, die sich zwischen divergierenden Wertesystemen aufgerieben fühlen, sondern auch für den klassischen „Wutbürger“.

Um was geht es dir, wenn du dich dem Thema Boxen widmest?

Um Mut, Angst, Schmerz, Wut, Sieg und Niederlage und wie sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen.
Ein Boxkampf ist eine existenzielle Situation, eine Art verdichteter Überlebenskampf: die Sportler liefern sich hier auf engstem Raum unter den Augen vieler Zuschauer ihrer eigenen Verletzlichkeit aus, gehen das Risiko von Schmerz und öffentlicher Erniedrigung ein. Das ist etwas, dass was wir im Normalfall ja zu vermeiden versuchen. Dort oben, ganz alleine im hellerleuchteten Ring zu stehen, das Rauschen der Fans und die Schreie der Trainer in den Ohren und dabei mitunter sehr schmerzhafte Schläge zu kassieren, dazu braucht es ungeheuer viel Mut und eine hohe Impulskontrolle.
Das hat mich beim Ansehen der Kämpfe sehr beeindruckt: wie stark deine Psyche, dein Herz sein muss, um überhaupt in den Ring zu steigen. Bewundernswert, wie Saskia, Raschad, Abu und die anderen das schaffen.

Hat Boxen vorher schon eine Rolle in deinem Leben gespielt oder hast du hier das erste Mal damit zu tun und haben es auch das erste Mal selbst probiert?

Mir war diese Sportart völlig fremd. Um zu wissen wie sich dieser Sport anfühlt und einen guten Kontakt aufzubauen, habe ich daher eine Zeit lang im Club mittrainiert.
Aber ich bin sportlich völlig untalentiert und komme nur noch ab und zu im Training vorbei um „Hallo“ zu sagen. Ali ruft dann jedes Mal, mit seiner humorvollen Art: „Los, Antje, umziehen, ran an den Boxsack, ich mach eine gute Boxerin aus dir!“  Das ist eben seine Art, selbst den Sport-Nieten das Gefühl zugeben: selbst auf dich warten noch Pokale!

Muss man sich mit Boxen und dem TSV 1860 auskennen um Spaß am Film zu haben?

Nein! „Lionhearted“ ist in erster Linie eine Hommage an das Zusammenleben, an die Kraft der Zuneigung und weniger ein Film über das Boxen. Es ist ein Hoch auf die Empathie, auf die Gemeinschaft und das Privileg, in Deutschland leben zu dürfen. Ich glaube, dass man einfach Spaß an der Musik haben kann, an den humorvollen Geschichten und den wunderbar montierten Bildern von Anya Schulz.

Wieso ging es nach Ghana? Was war hier für dich dramaturgisch interessant? Und für dich persönlich?

Ali ist mit seinen jungen Boxern jedes Jahr in ein Trainingscamp gefahren. Das waren immer Sportcamps mit westeuropäischen Standards, komfortabel ausgestattet und angenehm gelegen in Österreich oder der Türkei. Tagsüber wurde trainiert, abends ging es auf Partys. Doch Ali hatte sich in den letzten Jahren immer öfters über die Jugendlichen geärgert. Diese beschwerten sich im Training mit zunehmender Regelmäßigkeit über lauwarmes Wasser in den Duschen, fleckige Handschuhe oder zerschlissene Ring-Seile. Für Ali, der als Kind aus der Türkei „ins Paradies“ kam, wie er Deutschland nennt, war das völlig unverständlich. Um ihnen eine neue Perspektive auf ihr eigenes Leben in Deutschland zu geben, hat er das Trainingscamp kurzerhand nach Ghana verlegt. Das haben wir als Filmteam natürlich aufgegriffen und die Gruppe spontan begleitet. Uns ging es über die Jahre hinweg ja darum zu sehen, wie sich die Jugendlichen unter Ali verändern. Und da die Zustände in Ghana so eindrücklich und drastisch waren, hat sich hier sehr viel in kurzer Zeit in den Köpfen verändert. Das war sehr eindrucksvoll mitzuerleben, wie intensiv solch eine Erfahrung sein kann.
Auch uns als Team haben die Zustände vor Ort noch mehr Demut gelehrt. Das ist auch der Grund, warum wir weiterhin einen Beitrag leisten möchten und den Austausch zwischen den Deutschen und den Ghanaischen Boxen unterstützen.

Welche Momente und Erfahrungen während des Drehs, vor allem dem Dreh in Accra, bleiben dir in ganz besonderer Erinnerung, magst du von einer dieser besonderen Begegnung erzählen?

Das war auf der Müllhalde von Agbogbloshie, einem Stadtteil der ghanaischen Hauptstadt Accra. Dort leben ca. 40.000 Menschen am Rande einer riesigen Elektroschrotthalde, die zu den 10 giftigsten Orten der Erde zählt. Ein gigantischer Haufen Schrott, umringt von Wellblechhütten, die sich bis zum Horizont erstrecken.
Am ersten Tag haben wir hier den Boxclub von Trainer Charles Quartey besucht. Charles lebte als Kind selbst dort auf der Straße. Als Erwachsener baute er den Club auf, um die Straßenkinder von Accra zu unterstützen.
Der Club besteht aus vier Wänden und einer Tür – über einem der Himmel. Charles Quartey lässt die 6-18-jährigen nachts auf Holzbänken schlafen und versucht sie, so gut es geht, zu versorgen.
Am Ende eines Drehtages sah ich unseren Tonmann, Heiko Nickerl inmitten des Müllberges stehen.
Dieser lange Mensch mit seiner Angel in der Hand, wie von einem anderen Stern gefallen, die spielenden Kinder und Schweine ringsherum. Charles, der jeden Abend hinter seinen Kids die Tür zusperrt, um sie zu schützen. Das waren alles sehr surreale Eindrücke, die haben uns lange beschäftigt. Früher wuchsen Bäume rund um die Lagune, der Fluss war voller Fische. Heute fließt der schwermetallverseuchte, schwarze Fluss mit einer zähflüssigen Langsamkeit, dass es einem schwer ums Herz wird.

Schön war, dass Burak täglich Scharen von Kindern um sich versammelte. Die haben gleich gecheckt, dass er sich prima zum Quatschmachen eignet. Wenn wir morgens mit dem Bus zum Boxclub kamen, sind Horden von Kids auf ihn zugestürmt. 
Die haben diesen harten Typen einfach weichgekocht, mit ihrer unvoreingenommenen Art. Burak konnte sich ganz aufmachen und man konnte spüren, wie gut ihm das tut.

Wie hast du die Unterschiede zwischen dem Boxen in München und dem in Accra wahrgenommen?

Die Lebensumstände der afrikanischen Boxer, die wir kennen gelernt haben, sind noch härter und prekärer, als wir uns das vorgestellt hatten. Ich war zuvor häufiger in Westafrika unterwegs, aber der Slum von Accra hat alles übertroffen, was ich bis dahin an Elend gesehen hatte. Viele Straßenkinder haben gesundheitliche Probleme durch die Toxine der Müllhalde und müssen sich dort ohne ihre Eltern tagtäglich durchschlagen. Eine der jungen Boxerinnen, die vor allem mit Saskia zusammen trainiert hat, lebt auf der Straße seit sie 12 Jahre alt ist. Sie schläft jede Nacht in dem Stoff-Geschäft eines Bekannten. Sie darf dort übernachten und passt so auf, dass sich niemand unerlaubt zutritt verschafft. Morgens verlässt sie den Laden, verbringt den Tag auf der Straße oder im Box-Club.

Das Training hat hier eine viel existenziellere Komponente. Für viele ist es zudem eine Möglichkeit Preisgelder zu verdienen, oder sich auf einen entsprechenden Job vorbereiten. Charles Quartey sagte, dass viele seiner meist obdachlosen Boxer nach ihrer Box-Ausbildung in seinem Club die Möglichkeit bekommen, bei der Polizei oder dem Militär anzufangen. Sport dient hier als Sprungbrett von der Straße ins Arbeitsleben und nicht als Hobby.
Deshalb ist auch die Technik der ghanaischen Boxer das komplette Gegenteil von Alis Ansatz: denn während der seine Leute dazu anhält, erstmal möglichst keine Treffer zu kassieren, auch wenn man dadurch weniger austeilen kann, gehen die Ghanaer volles Risiko und sind viel mehr darauf bedacht, viele Treffer zu landen.
Manchem deutschen Sportler war daher etwas bange, als er mit einem Ghanaer in den Ring steigen sollten.

Weshalb ist „Lionhearted“ ein Film gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit?

Die Szene, in der Ali auf sein Herz deutet und sagt: „Meine Religion ist hier drinnen“, fasst es perfekt zusammen, wie ich finde. In einer Zeit, in der gespalten, polarisiert und ausgegrenzt wird, in der die Vorurteile zunehmen, macht Cukur in seinem Club genau das Gegenteil. Er sagt: „Ich durfte als junger Türke in Deutschland nirgends rein, heute darf hier jeder mitmachen. Im TSV gibt es keinen Türsteher. Durch diese gelebte Willkommenskultur hatte er auch schon bekennende Neonazis bei sich im Club, die neben Flüchtlingen am Boxsack trainierten. Nach ein paar Wochen fragte er die Rechtsradikalen: „Erklärt mir das mal, ich verstehe das nicht, warum lasst ihr euch von mir trainieren? Ich bin doch auch Ausländer.“ und deren Antwort war. „Ja, Ali, aber du bist doch anders, dich meinen wir nicht.“ Da musste er lachen und hat sich insgeheim über seinen kleinen Erfolg gefreut, ein paar Vorurteile durch Begegnung abgebaut zu haben. Aber auch mit jungen Migranten, deren Einstellungen, sich deutlich von unseren Wertevorstellungen unterscheiden, verfährt Ali auf die gleiche Weise. Gerade jetzt, wo noch mehr Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen nach Deutschland kommen, wollten wir mit „Lionhearted“ zeigen, dass solche Begegnungen von unschätzbarem Wert sind.
Inwiefern spielte Empowerment für dich eine Rolle bei dem Film?

Be Lionhearted!  Sei mutig! Nimm dein Leben trotz Schicksalsschläge selbst in die Hand. Das ist die Botschaft der jungen Boxer im Film. Und der harte Sport scheint dabei zu helfen. Vor allem auch bei den Frauen wie Saskia Bajin und den anderen Sportlerinnen ist uns aufgefallen, wie sehr das Boxen dabei hilft, sich wirkmächtig und selbstbestimmt zu fühlen, sich ein Stück weit auch abzuhärten und selbstbewusst mit den in der Regel sehr viel stärkeren Männern in den Ring zu steigen.

Wie hast du den Film finanziert? Es gab keine Förderungen... Weißt du, was hier die Argumente waren?

Dass „ Lionhearted“ deutschlandweit im Kino startet, hätte ich zu Drehbeginn 2015 nie zu träumen gewagt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ausschließlich als Journalistin gearbeitet, die Produktion eines Kinofilms lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Dann wurde die Reise nach Ghana sehr kurzfristig entschieden und eine Film-Förderung war nicht mehr zu realisieren. Aber nachdem wir immer tiefer in die Geschichte eingetaucht sind, gab es irgendwann kein Zurück mehr: Uns lag das Thema so am Herzen, dass wir, mein Kollege Marcus Uhl von Bilderfest und ich von Firsthand, uns entschlossen haben, alle Kosten mit eigenen Mitteln zu stemmen.
Aus finanzieller Hinsicht war das ein Kraftakt, es ist mein Produzentinnen- und Regiedebüt, aber das ist tatsächlich nebensächlich im Vergleich zu dem, was sich daraus ergeben hat.
Ali Cukurs unermüdlicher Einsatz ist mittlerweile mehrfach gewürdigt worden, 
Entwicklungsminister Gerd Müller hat ihm die Rupert-Neudeck-Medaille für Mut und Menschlichkeit verliehen, um nur ein Beispiel zu nennen. Gemeinsam mit anderen Mitstreitern, die nach dem Kinobesuch auf uns zukamen, haben wir einen Verein gegründet: Be Lionhearted! um die im Film portraitierten Werte wie Mut und Empathie in der Gesellschaft durch Begegnungen und Diskurse zu fördern.

Über welchen Zeitraum habt ihr gedreht? Wovon waren die Dreharbeiten bestimmt?

Wir haben die Boxer von 2015 bis 2018 mit der Kamera begleitet und den Film im Anschluss über zwei Jahre verteilt geschnitten. Bei den Dreharbeiten war es dem Kameramann Janis Willbold vor allem wichtig, nah dran zu sein. So haben wir die Boxer anfänglich etwas aus der Entfernung begleitet und sind erst im Laufe der Zeit näher gerückt. Die Aufnahmen, wie Burak auf dem Auto oder Abu im Hofgarten sind die Wunsch-Drehorte der den einzelnen Protagonisten. Ich wollte, dass sie selbst einen Ort wählen, an dem sie interviewt werden.  Bestimmendes Element der Dreharbeiten war es präsent zu sein, genau zuzuhören: während des Trainings im TSV, in Ghana und auch sonst, wenn wir unterwegs waren. Nur so schnappt man die Details auf, die in den längeren Interviews zu den wirklich tiefen Geschichten führen. Ich bin immer noch sehr dankbar, dass die Protagonisten sich uns da so stark geöffnet haben. 

Mit welchen Reaktionen des Publikums wurdest du bisher konfrontiert?

Viele der Zuschauer erzählen von einer neuen Perspektive, die sie über Boxer- und Boxerinnen gewonnen haben und das ihre Vorurteile gegenüber diesem Sport weitgehend abgebaut wurden.
Ehrenamtliche berichten mir, dass sie sich freuen, dass Ali exemplarisch für die vielen Helfer in Deutschland gewürdigt wird. Sie erzählen begeistert von ihren eigenen Aktionen und wie viel Freude sie daran haben. Oft sind es auch Männer, die sehr berührt davon sind, dass Ali die Geschichte mit seinem Vater so offen und ehrlich erzählt. Das scheint es oft deutliche Parallelen zu geben.

Großartig ist auch, dass der Film für viele verschiedene Altersgruppen funktioniert. Jugendliche fühlen sich durch die Musik und durch die lebensnahen Geschichten der jungen Protagonisten angesprochen. In den Schulvorstellungen diskutieren sie engagiert über Themen wie Integration, Selbstbewusstsein, Familienkonflikte und Werte. Wenn Raschad Pekpassi, der als schwieriger Kandidat bei Ali anfing und nun die Jugendabteilung leitet, bei diesen Sonder-Vorstellungen dabei ist, sind viele Jugendliche ganz spürbar gebannt und inspiriert: Wow, sein Weg war auch nicht einfach und er hat etwas aus seinem Leben gemacht. Das ist cool.

Foto: 

FirstHand Production