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Der mexikanische Rocky

Text: Benjamin Stroka

Mit seinem sensationellen K.o.-Sieg über Anthony Joshua hat sich Andy Ruiz jr. zum ersten mexikanischen Weltmeister im Schwergewicht gekrönt – und damit alle Zweifler eines Besseren belehrt. So, wie er es schon sein ganzes Leben lang macht musste.

Der Madison Square Garden bebt. Die berühmteste Arena der Welt ist ausverkauft. Tausende Briten haben den Weg über den Großen Teich auf sich genommen, um ihren Helden bei seinem US-Debüt am 1. Juni siegen zu sehen: Schwergewichts-Weltmeister Anthony Joshua. Eine Gelddruckmaschine in einem Adoniskörper. 1,98 Meter und 112 Kilogramm reine Muskelmasse.

Ihm gegenüber steht ein Mann, der auf den ersten Blick nur entfernt an einen Profisportler erinnert: Andy Ruiz jr. Ein 1,88 Meter großer US-Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln. Er ist nur der Ersatzgegner für den des Dopings überführten Jarrell „Big Baby“ Miller und ein echter Underdog. Die auf Ruiz’ rundlichen Körper verteilten 121,6 Kilogramm wirken optisch wenig beeindruckend. So mancher Zuschauer wird in diesem Moment gedacht haben: „Wie soll denn dieser Dicke eine Chance gegen Joshua haben?“

Der Kampf beginnt. Die ersten beiden Runden zwischen „AJ“ und Ruiz verlaufen relativ ereignisarm. Beide Boxer wollen noch nicht zu viel riskieren. Wie sich wenige Minuten später herausstellt, ist es allerdings nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn in der dritten Runde überschlagen sich die Ereignisse. Nach rund 30 Sekunden kommt Joshua mit einem mächtigen linken Haken durch, der Ruiz unvermittelt auf den Hosenboden schickt. So gut wie jeder Boxfan dürfte in diesem Moment das Gleiche gedacht haben: Das war der Anfang vom Ende.

Doch Ruiz jr. kommt sofort wieder auf die Beine. Und im Gegensatz zu vielen anderen vorherigen Herausforderern sucht er plötzlich selbst die Offensive. Joshua will zum Finish ansetzen, aber da hat er die Rechnung ohne den Mexikaner und dessen deutlich schnellere Hände gemacht. Denn Ruiz landet im Schlagabtausch zuerst – und das gleich mehrmals. Er trifft AJ mit einem linken Haken an der Schläfe. Ein verheerender Schlag, der Joshuas Gleichgewichtssinn empfindlich stört. Ruiz setzt nach, schickt den Champion auf die Bretter. Im Publikum herrscht nun eine Mischung aus Überraschung und Entsetzen. Noch schlimmer wird es, als der Underdog den Weltmeister kurz vor dem Ende der Runde erneut zu Boden schlägt. Die englischen Journalisten wirken, als hätten sie einen Geist gesehen.

Über Nacht zum Star

Ein unglaubliches Upset liegt in der Luft. Als der „kleine fette Junge“, wie Ruiz sich selbst im Vorfeld genannt hat, in der siebten Runde zwei weitere Knockdowns landet, ist die Sensation perfekt. Fast fünf Jahrzehnte nach dem „Kampf des Jahrhunderts“ zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier gibt es im Madison Square Garden wieder eine historische Box-Nacht. Andy Ruiz jr., der 15:1-Außenseiter, ist neuer Dreifach-Champ und der erste mexikanische Weltmeister im  Schwergewicht.

„Andy, du bist der personifizierte Beweis dafür, dass man niemanden nach seinen Äußerlichkeiten vorverurteilen soll“, sagte Ring-Legende und DAZN-Kommentator „Sugar“ Ray Leonard kurz nach dem Fight. „Du hast die ganze Boxwelt überrascht und uns alle eines Besseren belehrt.“

Seit dieser Nacht in New York ist für Andy Ruiz jr. nichts mehr so, wie es mal war. Plötzlich ist der Lebemann ein echter Promi. Über die sozialen Medien erhält er Glückwünsche von Film-Größen wie Sylvester Stallone und Dwayne „The Rock“ Johnson. Kein Wunder, schließlich hätte sein Erfolg auch in Hollywood nicht besser verfilmt werden können. Vor allem Stallone, der mit „Rocky“ eine der größten Underdog-Storys der Filmgeschichte schuf, dürfte Ruiz’ Erfolg ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert haben.

Der neue Champion wurde schon kurz nach seinem Sieg in die berühmte Late-Night-Show von US-Comedian Jimmy Kimmel eingeladen. Dort fragte der Showmaster auch Ruiz’ Vater, wie stolz er auf seinen Sohn sei. „Er ist mein mexikanischer Rocky“, antwortete Andres sr. freudestrahlend. Andys Konto dürfte nun prall gefüllt sein. Rund sechs Millionen Euro hat er als Ersatzgegner für den Joshua-Fight kassiert. Die Börse für das Rematch wird noch deutlich höher sein.

Bis vor kurzem konnte diese Entwicklung noch niemand vorhersehen. „Ich war ein pummeliges, nettes Kind“, erzählt Andy. Andrés „Andy“ Ponce Ruiz jr. wächst im kalifornischen Örtchen Imperial auf, nur knapp 20 Kilometer nördlich der mexikanischen Grenze. „In der Schule wurde ich oft gehänselt“, berichtet Ruiz. Erfahrungen, die er auch mit seinem Trainer Manny Robles geteilt und diskutiert hat. „Es ist eine Cinderella-Story“, sagte Robles nach dem unglaublichen Sieg über AJ der „Washington Post“. „Das ist für all die Kinder da draußen, die gemobbt und herumgeschubst werden. Es ist für all die Menschen, die daran glauben, dass alles im Leben möglich ist.“

„Am Ende wirst du jeden Schlagen“

Als Kind war Andy hyperaktiv. Ein Umstand, der heute noch in seinem Kampfnamen wiederzufinden ist: „Destroyer“, auf Deutsch: Zerstörer. Die Erklärung dahinter könnte simpler kaum sein: Als Kind hat er neue Spielsachen meist umgehend kaputt gemacht. Andy ist sechs Jahre alt, als sein Vater sich entscheidet, den extrem aufgedrehten Sohn in ein Boxgym zu bringen. Weil der Junior für sein Alter damals bereits ein sehr hohes Gewicht hat, muss er mit älteren Jungs sparren und bezieht anfangs heftig Prügel. Selbst ans Aufgeben denkt Andy. Doch sein Vater ermutigt ihn. „Am Ende wirst du jeden schlagen“, sagt er seinem Sohn. Bereits mit sieben Jahren boxt Andy in San Diego seinen ersten offiziellen Amateurkampf.

2008 schafft es Ruiz in das mexikanische Olympia-Team. Für ihn ist das ein echter Selbstbewusstseinsschub. „Da wusste ich, was ich im Leben erreichen kann“, sagt er rückblickend. Zu den Spielen in Peking soll es für ihn allerdings nicht ganz reichen. In den letzten beiden Qualifikationsturnieren scheitert Ruiz an den späteren Olympia-Teilnehmern Roberto Alfonso aus Kuba und Oscar Rivas aus Kolumbien.

Danach wechselte Andy als 19-Jähriger ins Profilager. Sein Promoter: kein Geringerer als Bob Arum und dessen legendärer Boxstall „Top Rank“. Das höchste Gewicht seiner gesamten Profilaufbahn bringt Ruiz dann in seinem Debüt auf die Waage – beeindruckende 135 Kilogramm! Mit Miguel Salvador Ramirez, der damals sicher nicht davon ausging, hier mit einem späteren Schwergewichts-Weltmeister im Ring zu stehen, hat Andy dennoch keine Probleme. Nach nur 34 Sekunden der ersten Runde stoppt er Ramirez.

Als Knockouter galt der kalifornische Fighter dennoch nie, wie sich Bob Arum heute erinnert: „Er stand mit Leuten im Ring, die so viel schlechter als Joshua waren, und er konnte sie noch nicht mal anklingeln.“ Dafür habe er sehr schnelle Hände und vor allem ein gewaltiges Kinn. „Man kann ihn mit einem Baseballschläger treffen und nichts passiert“, sagt Arum, der Ruiz’ Karriere bis 2018 als Promoter dirigierte. Im Joshua-Kampf habe den „Bobfather“ daher auch nicht überrascht, dass Ruiz die Treffer von AJ wegstecken konnte, sondern vielmehr, dass „er Joshua so häufig zu Boden schlagen konnte. Das hatte er zuvor gegen keinen halbwegs soliden Gegner geschafft“.

Ob Ruiz sich nun langfristig im Schwergewicht etablieren kann oder ähnlich wie einst James „Buster“ Douglas als One-Hit-Wonder in die Historie der Königsklasse eingeht, wird die Zukunft zeigen. Die erste Feuerprobe für den Dreifach-Weltmeister steht am 7. Dezember in Saudi-Arabien an. Denn Anthony Joshua und dessen Team haben bereits kurz nach der Niederlage die vertraglich vereinbarte Rematch-Klausel gezogen. Ein Blick auf die Quoten der Buchmacher zeigt: Auch im Rematch ist Andy Ruiz jr. wieder klarer Außenseiter. Aber das war der „mexikanische Rocky“ schon sein ganzes Leben lang.

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