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Promoter Ingo Volckmann: „Jack gehört zu den Besten!“

Wer in ein fallendes Messer greift, schneidet sich in den Finger. Diese Weisheit gilt in der Küche genauso wie im Boxsport. Jeder der zurzeit ins deutsche Profiboxen investiert braucht Geduld und Nerven. Eine gesunde Portion Idealismus sollte er ebenfalls mitbringen. Ingo Volckmann, 52, Geschäftsmann aus Berlin, ist einer auf den das zutrifft. 2014 hat er den spanischen Fußball-Club CD Atlético Baleares gekauft und vor der Insolvenz gerettet. Mittlerweile mischt Atletico wieder ganz ordentlich im spanischen Bezahl-Fußball mit. 2017 kam dann sein Einstieg in das Profiboxen. Volckmann, selbst Kampfsportler, gründete die Agon Sports Management und nahm so illustre Faustkämpfer wie die Ex-Weltmeister Jack Culcay und Tyron Zeuge unter Vertrag. Im Interview spricht Volckmann über seine Pläne, die WM-Chancen von Culcay und was er von dem Wechsel immer jüngerer Amateure zu den Profis hält.

Interview: Wolfgang Wycisk

Herr Volckmann, Fußball oder Boxen?

Ein ganz klares „Beides“! Ich habe Fußball gespielt und war über 30 Jahre beim Kickboxen. Ich war sogar zweimal Berliner Meister. Einmal mit 16 und dann 20 Jahre später mit 36. Ich bin den Sportarten treu geblieben, allerdings als Manager. Ich hatte immer wieder darüber nachgedacht einen Boxstall aufzumachen. Meinen Entschluss habe ich nach einem Gespräch mit Jack Culcay gefasst. Jack hatte mir erzählt wie er trainiert. Ich dachte damals, das gibt es doch gar nicht. Keine Druckkammern, keine Laktat-Tests, keine Trainingsdaten-Dokumentation mit Smartwatch. Das sind alles Dinge, ohne die Spitzenfußball gar nicht möglich wäre. Da war mein Entschluss gereift, ein Box-Team zu gründen, das sich mit guten Sportlern und vor allem mit hochprofessionellen Trainingsmethoden einen Spitzenplatz erobern wird.

Im Oktober 2017 war es dann soweit. Sie haben AGON in einem sehr schwierigen Umfeld gegründet. Lassen sie uns ein Fazit ziehen. Was lief gut und was würden sie anders machen?

Für ein Fazit ist es noch zu früh. Ich habe mir fünf Jahre Zeit gegeben und die sind noch nicht vorbei. Im Übrigen hört sich Fazit so rational, so nüchtern an. Als ob man zwei Zahlen voneinander abzieht und seine Entscheidung dann von dem Plus oder dem Minus abhängig macht, dass vor dem Ergebnis steht. Ich glaube nicht, dass man damit im Boxsport sehr weit kommt. Mir ist es wichtig, dass meine Sportler, meine Manager und ich am gleichen Strang ziehen. Wenn ich weiß, dass sie sich voll reinhängen, wenn ich weiß, dass sie alles geben, dann haben Niederlagen für mich einen ganz anderen Stellenwert. Dann sage ich „So what?“ Das Team steht wieder auf, klopft den Schmutz ab und macht weiter. Dieser Weg führt zum Erfolg. Das hat sich bei meinem Fußball-Club Atlético Baleares gezeigt. Statt Insolvenz spielt Atlético in der 2B. Das ist in etwa die dritte Liga in Deutschland. Bei Agon sind wir auch auf dem richtigen Weg, obwohl ich den Stall, wie Sie sagten, in einem schwierigen Umfeld, gegründet habe. Wir haben ein starkes Portfolio an Athleten, von dem schon bald zwei um eine WM boxen können. Sie fragten nach Rückschlägen. Ja, die gab es auch. Keine Verluste im betriebswirtschaftlichen Sinne, sondern menschliche Enttäuschungen.

Welche waren das?

Es ist nicht Agon-Stil, Interna über die Presse preiszugeben.

Neben dem Fußballclub nun ein Boxstall. Wie schaffen sie das?

Ganz einfach, ich habe ein hervorragendes Team, das es versteht, den angelegten Kurs zu halten. Ich hätte gar nicht die Zeit um die Themen in der benötigten Tiefe selber zu bearbeiten und ich hätte auch nicht die Expertise. Die haben aber Hagen Döring, Harry Kappell, Heiko Mallwitz, Michael Stachewicz und Peter Strickroth.

Der Hamburger Boxpromoter Erol Ceylan gab vor kurzem ein Interview, in dem er sagte: „Sportlich sehe ich mein Engagement durchaus positiv. Finanziell ist die Situation eine andere…“ Stimmen sie Herrn Ceylan zu?

Herr Ceylan hat recht. Um einen guten Event zu realisieren, kann der Investitionsbetrag sehr schnell sechsstellig werden. Das nimmt man nur durch den Ticketverkauf nicht ein. Deshalb kann man ohne die Unterstützung eines TV-Senders sehr schnell, sehr viel Geld versenken.

Derzeit laufen dem Deutschen Boxsport-Verband (DBV) die Talente davon und wechseln zu den Profis. Würden Sie sich das als DBV-Chef gefallen lassen?

Ich kenne den Amateur-Boxsport nicht gut genug, um irgendjemanden zu kritisieren. Lassen sie mich als Präsident des CD Atlético Baleares antworten: Ich beobachte im Bezahl-Fußball, dass die Talente, die zu den Profis wechseln immer jünger werden. 16 Jahre ist da kein Alter mehr, bei dem ich die Augenbrauen hochziehen würde. Bei Atletico Baleares sprechen wir ganz junge Fußballer nicht aktiv an. Wenn wir jedoch angesprochen werden, dann reden wir. Ansonsten geht das Talent woanders hin. Für mich wäre das eine verlorene Chance. Ich vermute, die Manager der deutschen Profiboxställe denken und handhaben es ähnlich.

Der DBV will den Chemiepokal ad Acta legen. Wäre es für Sie nicht genau die richtige Challenge, den Chemiepokal zu retten? Das Land Sachsen-Anhalt und die Stadt Halle signalisierten bereits, dass sie weitermachen wollen.  

Sie werden lachen! Genau das hatte ich versucht. Angeblich gab es eine Finanzierungslücke von 50.000 Euro. Ich war bereit diese Summe zu investieren. Dann wurde mir jedoch mitgeteilt, dass es dafür zu spät sei, weil man sich anderweitig entschieden hätte.

Jack Culcay wird Mitte April gegen Sergiy Derevyanchenko einen WM Ausscheidungskampf bestreiten. Ihr erster Etappensieg sollte die Purse Bid sein. Doch Derevyanchenkos Management gab das bessere Angebot ab. Nun findet der Kampf in Minneapolis statt und nicht wie ursprünglich geplant, in Jacks Heimat. Wie enttäuscht sind Sie?

Das war wirklich ärgerlich. Ich hatte mich schon auf eine Art „Rumble in the Jungle“ in Ecuador gefreut. Und dann war Lou DiBellas (Derevyanchenkos Promoter; Anm. d. Red.) Angebot um 20.000 Euro höher. Aber so ist es auch in Ordnung. Jetzt verdienen wir sogar Geld an dem Kampf.

Auf der Internetseite der unabhängigen Weltrangliste von boxrec.com wird eine Funktion angeboten, die die vermeintlichen Gewinnchancen eines Fights berechnet. Demnach lägen Jacks bei zehn Prozent und Derevyanchenkos bei 90 Prozent.

Sie veräppeln mich, oder? Das ist doch Blödsinn! Im IBF Ranking liegt Jack auf Platz zwei und der Ukrainer auf Platz drei. Für den Eliminator hatte die IBF zuerst Golovkin und danach Martin Murray aufgefordert. Erst nachdem mit denen keine Einigung erzielt wurde, war Sergiy Derevyanchenko dran. Im Mittelgewicht ist die Leistungsdichte der Besten enorm. Und Jack gehört zu den Besten! In dieser Liga boxt jeder mit jedem auf Augenhöhe. Auch Derevyanchenko und Jack. Von mir aus geben sie dem Ukrainer wegen seinem Heimvorteil ein paar Prozentpunkte mehr. Aber gleich 40 Prozent mehr? Lassen Sie die Kirche im Dorf.

Sie haben zurzeit neun Boxer, aber keine Boxerin unter Vertrag. Ist das Zufall oder können sie dem Frauenboxen nichts abgewinnen?

Ich will vermeiden, dass wir uns verzetteln. Deshalb konzentrieren wir uns zuerst auf die Männer. Wenn es bei ihnen läuft, dann sind die Frauen dran. So habe ich es im Übrigen auch bei Atletico gemacht. Erst die Männer, dann die Frauen und die haben es in ihren Händen bereits nach dem ersten Jahr in die 2. Liga aufzusteigen.

Die Gerüchteküche sagt, dass sie im Mai ein Event in Berlin ausrichten werden. Worauf können wir uns freuen?

Das stimmt, wir werden sehr wahrscheinlich am 18. Mai veranstalten. Und freuen können Sie sich auf guten und vor allem ehrlichen Boxsport. Tyron Zeuge wird um den EU-Titel boxen. Wir planen für Björn Schicke und Vincenzo Gualtieri Deutsche Meisterschaften. Besonders gespannt bin ich auf die beiden Kubaner William Scull und den Schwergewichtler Lenier Pero. Sie wollen sich durch gute Kämpfe für höhere Aufgaben empfehlen.

Foto: 

Imago/Eibner