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Wie Reinhard Jassmann um seine Gesundheit kämpft

Reinhard Jassmann war im Ring ein echter Kämpfertyp. Mehrfacher Hessen-Meister, Deutscher Meister, EM-Teilnehmer und Olympiakandidat im Amateurboxen. Er hat sich in den 80er Jahren jedem Gegner gestellt, ist später Boxtrainer geworden, half  seiner Frau Karin beim Aufbau eines online-Shops für Box-und Kampfsportartikel, hat soziale Projekte für schwererziehbare Kinder und Migranten betreut und ist dafür mehrfach dafür ausgezeichnet worden.

Aktuell freut sich der 62-Jährige trotz seiner gesundheitlichen Probleme über die Erfolge seines Sohnes Mario, der wie sein Onkel Manfred bei den Profis boxt und seinen Titel als Internationaler Deutscher Meister im Mittelgewicht am 9. Februar in Korbach verteidigen wird.

Doch Reinhard Jassmann bestreitet nun mehr seit vielen Jahren selbst seinen schwersten Kampf außerhalb des Seilgevierts. Er kämpft seit neun Jahren vor Gericht mit Ärzten, dem Kasseler-Klinikum und deren Versicherungen. Es geht um ein sechsstelliges Schmerzensgeld.

Jassmann erlitt durch eine radioaktive Strahlentherapie nach einer Krebsoperation schwere bleibende Schäden. Vor Kurzem ist er wieder aus einem anderen Krankenhaus in Kassel entlassen worden. „Vollnarkose, wieder drei Zähne raus, auf der anderen Seite musste der Kieferknochen abgeschält werden. Ekelhaft“, sagt er nach dem erneuten schmerzhaften Eingriff.

Dem wievielten auch immer. „Ich müsse mich auf weitere Operationen einstellen“, habe man ihm dort gesagt. Man kann verstehen, dass Jassmann verzweifelt und auch wütend ist. „Vielleicht bin ich ja vorher weggestorben, wenn der Gerichtsstreit endlich beendet sein wird. Die spielen doch, vermute ich, auf Zeit, um Geld zu sparen.“

Seit 2003 war der ehemalige Spitzensportler wegen eines kleinen Karzinoms am Zungenrand behandelt worden. Auf die Chemotherapie folgte 2004 eine Operation. Danach waren keine Krebszellen mehr nachweisbar. Eigentlich sollte das weitere Prozedere erst nach histologischer Untersuchung bestimmt werden.

Das alles erfuhr der Korbacher aber erst, als er wegen der Strahlenfolgen juristisch gegen das Klinikum vorging. 2009 reichte er Klage ein. Die Mediziner hatten auf die Bestrahlung gedrängt, angeblich „um den Krebs endgültig zu besiegen“, der durch die  Chemotherapie und Operation im gesunden Gewebe schon längst beseitigt war.

Selbst der eigene Gutachter,  den die Versicherung beauftragt hat, gab dem Kläger Reinhard Jassmann, über die Unnötigkeit der Strahlentherapie Recht. Seither kann der Patient nach Schädigung seiner Stimmbänder nur noch schwer sprechen, hat seinen Geschmackssinn verloren und eine Kieferknochennekrose, durch die Zähne vereitern und ausfallen. Zudem sind Jassmanns Mundschleimhäute geschädigt und immer wieder entzündlich.

Das Klinikum Kassel müsse dem Patienten deshalb Schmerzensgeld zahlen und zudem sämtliche erlittenen und künftigen materiellen Schäden ersetzen, die auf die Strahlentherapie zurückgehen, haben drei Gerichtsinstanzen festgesetzt. Doch die Haftpflichtversicherung der Ärzte versuchte eine endgültigen Klärung beim Bundesgerichtshof zu erwirken, die abgewiesen wurde, und verlangte neue Gutachten. Das Ganze zieht sich dadurch weiter hin.

„Das Klinikum hat, ebenso wie Herr Jassmann, großes Interesse an einem zügigen Abschluss des Beitragsverfahrens und hätte dem Vergleichsvorschlag des Landgerichts zugestimmt“, heißt es in der Stellungnahme. Daran kann der Korbacher aber kaum mehr glauben. „Vielleicht soll ich es wirklich nicht mehr erleben“, fühlt er sich inzwischen schikaniert und denkt daran, einen Vergleich doch noch anzunehmen.

Jassmann selbst hatte den Vergleichsvorschlag zuvor abgelehnt. „Das alles, was in den vorangegangenen Verhandlungen an Gutachten auf den Tisch kam, nicht ausreicht, verstehe ich nun aber wirklich nicht mehr angesichts meiner aktuellen Situation. Ohne meinen Anwalt aus Korbach wäre ich vollkommen aufgeschmissen.“

Der weiß aber, dass es sich im Fall Jassmann um ein übliches Verfahren handelt. Laut dem Rechtsanwalt sitze das Klinikum nun mehr zwischen den Stühlen. Die Vermögenshaftpflichtversicherung der Ärzte führe eigentlich das Verfahren und auch die Versicherung der damals selbständigen Strahlentherapiepraxis sei zu berücksichtigen.

Ein zügiges Ende ist nach all den Jahren nicht in Sicht. Die Jassmanns sind schwer angeschlagen. Der letzte Besuch beim Gutachter in Bonn habe nur eines gezeigt: „Der kann mir auch nur das bestätigen, was vorher schon bekannt, dokumentiert und aktenkundig war.“ Auch an ein Weihnachts-Wunder will derzeit keiner glauben.

Text: Werner Rabe

Foto: 

Imago/Mavericks