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News

Rocky-Buch: Begegnung aus der Distanz

Werner Schneyder (81) kommentierte 1996 die beiden Kämpfe Maske vs. Rocky im TV. Im neuen Buch „Rocky – Unbeugsam bis zur letzten Runde“ erinnert sich der österreichische Kabarettist, Boxkampfrichter, Autor und Schauspieler an Graciano Rocchigiani (†54). BOXSPORT veröffentlicht diesen und weitere Buch-Auszüge exklusiv, in denen Wegbegleiter, ehemalige Gegner im Ring und Freunde ihre ganz persönliche Rocky-Story erzählen.

von Werner Schneyder

Graciano Rocchigiani, später mit dem populären Beinamen »Rocky« verse­hen, war mir über den Bildschirm ein Begriff, noch bevor ich Berufsboxen kommentierte. Ein in Stil und Härte typischer Profi, ohne Beherrschung technischer Feinheiten, ein Mann für das klassische Boxpublikum. In In­terviews erfrischend direkt und ehrlich.

Mir war er vor dem ersten Kampf gegen Henry Maske nicht persönlich bekannt, und mir war bewusst, ich hatte dem Publikum klarzumachen, dass in dieser Begegnung zwei gegensätzliche Methoden aufeinandertra­fen. Die ausgefeilte Technik, der bedingungslose Fight. Interessanterweise zwang Rocchigiani dem Gegner phasenweise seinen Kampfstil auf. Das Punkturteil sah Maske als Sieger. Rocchigiani und sein Team empfanden das als falsch, denn Maske stand die letzte Runde mehr taumelnd durch. Da sieht sich ein Fighter in einem engen Kampf natürlich als Sieger. Ich hatte mich in meinem Kommentar nicht auf Rocchigiani als Sieger fest­gelegt und wollte mein Gewissen beruhigen.

Als ehemaliger Amateurkampfrichter war ich es gewohnt, Treffer zu zählen. Ich setzte mich zu Hause vor den Bildschirm, schob das Video ein, und punktete nach bestem Wissen und Gewissen die 12 Runden durch. Ich kam auf ein Plus von 1 Runde für Maske. So hatte ich ein gutes Gewis­sen, war mir aber bewusst, dass meine Art zu werten im Profigeschäft nicht gilt. Jedenfalls nur für den, dem sie nützt. So konnte ich mir vorstellen, Rocchigiani nicht übermäßig sympathisch zu sein.

Auf Mallorca, wo sich zum Kampf eines deutschen Halbschwergewicht­lers die gesamte Branche versammelte, ging ich zur Hotelbar, bestellte einen Drink und sah plötzlich, dass auf dem Hocker neben mir Rocchigiani saß. Man hatte des Öfteren von körperlichen Auseinandersetzungen außerhalb des Rings gelesen, daher rückte ich meinen Hocker leicht zur Seite, uner­reichbar für einen Schlag, also außerhalb der »Distanz«. So der Fachjargon.

Rocky bemerkte mich, grüßte, ich dankte, und tatsächlich kam er sofort auf das Urteil zu sprechen und auf meinen Kommentar. Aber völlig ohne Aggression, respektvoll und dialogfähig. Ich erzählte von meinem Nach­punkten, er meinte, kurz vor einem k.o.-Sieg der Sieger gewesen sein zu müssen. Ich sagte, ich könne seinen Standpunkt begreifen, sei aber nicht seiner Meinung. Wir unterhielten uns noch lange, es war wohltuend, seine direkten Meinungen zu hören. Das galt auch später, als er als Fachkommen­tator im TV zu dieser oder jener »großen Hoffnung« seine Einschätzung for­mulierte. Die Vertreter des Publikumsbetruges hatten mit ihm keine Freude.

Der letzte Gong hat geschlagen.

 

Das neue, 512 Seiten starke Buch „Rocky – Unbeugsam bis zur letzten Runde“ aus dem riva-Verlag enthält nicht nur Rockys spannende Autobiografie, sondern auch viele weitere ganz persönliche Gast-Beiträge.

Graciano Rocchigiani mit Ralf Grengel und René Hiepen

riva-Verlag, 512 Seiten inkl. 48-seitigem Bildteil

ISBN: 978-3-7423-0948-8, Preis: 19,99 EUR

Foto: 

Imago/Camera 4