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Vom Schicksal ausgeknockt

Text: Markus Unckrich

In den 1930er-Jahren holte Adolf Heuser sensationell den Europameistertitel im Schwer- und Halbschwergewicht. Vor rund 80 Jahren stand der Bonner Boxprofi mit Max Schmeling im Ring. Heusers härtester Gegner war dennoch das Leben. BOXSPORT erinnert an die tragische Geschichte eines gefallenen Helden.

Am 2. Juli 1939, rund zwei Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, strömen 80.000 boxbegeisterte Zuschauer in die Adolf-Hitler-Kampfbahn in Stuttgart. Sie sind gekommen, um zu erfahren, wer tatsächlich die Nummer eins in Deutschland ist! Der große Max Schmeling, der ein Jahr zuvor jedoch gegen Joe Louis in der ersten Runde k.o. ging oder Adolf Heuser, der Mann der Stunde, der amtierende Europameister im Schwergewicht. Für den aus dem Bonner Stadtteil Buschdorf stammenden Heuser ist es der Kampf seines Lebens, denn „der schwarze Ulan vom Rhein“ ist nicht nur ein weltberühmter Box-Superstar, sondern auch seit geraumer Zeit sein großes Idol.

Die Erwartungen der Massen, die an diesem Tag in Stuttgart zum Fight pilgern, sind gewaltig. Doch nach gerade einmal 71 Sekunden ist der Kampf bereits beendet! Schmeling streckt seinen deutlich kleineren Landsmann mit einer krachenden Rechten zu Boden. Heuser verliert sofort das Bewusstsein, muss minutenlang vom Ringarzt behandelt werden. Das Drama findet seinen Höhepunkt, als sich seine weinende Ehefrau Zutritt zum Ring verschafft und aufgelöst neben ihrem weggetretenen Gatten niederkniet.

Während Schmeling vor allem dank seiner großartigen Duelle mit Louis und der gegen Jack Sharkey errungenen Weltmeisterschaft, auch über 14 Jahre nach seinem Tod (2. Februar 2005) noch immer als größter deutscher Boxer aller Zeiten gilt, ist Heuser heute beinahe vergessen. Dies mag primär damit zusammenhängen, dass der Rheinländer seine großen Siege in Deutschlands dunkelstem Kapitel – dem Nationalsozialismus – errungen hat. Doch auch seine extrem tragische Lebensgeschichte, die im Herbst 1988 in der Psychiatrie endet, hat Anteil daran, dass sein Name anno 2019 nur noch wenigen Boxfans ein Begriff ist.

Aus einfachen Verhältnissen

1907 als Sohn eines Maurers geboren, wächst Heuser mit zehn Geschwistern – sechs weitere kommen hinzu, nachdem der Vater erneut heiratet – in äußerst einfachen Verhältnissen auf. Bereits in Jugendtagen arbeitet er als Knecht auf den umliegenden Höfen. Er muss mithelfen, damit die Familie über die Runden kommt. Nach getaner Arbeit läuft der Junge fast täglich viele Kilometer zu Fuß in die Stadt, um beim Bonner Boxclub zu trainieren. Die Legende besagt, dass der 1,73 Meter große, aber extrem kräftige Nachwuchsboxer bereits bei seiner ersten Trainingseinheit den Sandsack aus der Verankerung befördert haben soll.

Für das Schwergewicht, das zu dieser Zeit maßgeblich für den Boxsport ist, ist der schüchterne junge Mann aufgrund seiner Körpergröße eigentlich völlig ungeeignet. Doch Heuser, der auch viele Kämpfe im Halbschwergewicht absolviert, kompensiert seine fehlende Länge und Reichweite von Beginn an mit unwahrscheinlicher Qualität im Infight. Stets ohne jede Rücksicht auf die eigene Gesundheit attackiert er in draufgängerischer Manier seine zumeist größeren Kontrahenten. Eine Defensivstrategie? Fehlanzeige. Der bullige Rheinländer kennt nur eine Richtung – und zwar vorwärts.

Ein Stil, der Adolf Heuser im Laufe seiner Karriere zu jeder Menge Popularität verhilft. Bereits als Amateur gelingt ihm 1927 der Durchbruch. Heuser, der wenige Stunden vor dem Kampf noch unwissend auf dem Feld gepflügt hatte, muss plötzlich völlig unvermittelt als Ersatzmann im Länderkampf Deutschland vs. Dänemark einspringen. Sein Gegner ist kein Geringerer als der Europameister Thyge Petersen. In der fünften Runde knockt Heuser den deutlich erfahreneren Dänen eindrucksvoll aus und ist – wortwörtlich – auf einen Schlag in ganz Deutschland berühmt.

Zwei Jahre später, kurz vor seinem 22. Geburtstag, ist er Profi und fortan nahezu pausenlos im Einsatz. Ein Kampf folgt auf den nächsten. Heuser schindet Eindruck, sodass man selbst in den USA Notiz vom kleinen Kraftpaket mit dem mutigen Offensivstil nimmt. 1931 bricht der deutsche Sportler von Bremerhaven aus auf, um mit dem Schiff den Atlantik zu überqueren. Das große Ziel: ein WM-Kampf im Halbschwer gegen Maxie Rosenbloom. Doch in den Vereinigten Staaten angekommen, beginnt ein echtes Mammutprogramm. Heuser wird von einer Stadt in die andere geschickt, kämpft unter anderem in New York, Portland, Boston und Cleveland. Da sich sein Manager wegen geschäftlichen Verpflichtungen nicht lange in den USA aufhalten kann, steht Heuser, der der englischen Sprache nicht mächtig ist, plötzlich ohne Agent da.

Jack Sharkeys Manager Johnny Buckley und der Schwergewichtler Ernie Schaaf, nehmen sich Heuser an, handeln für ihn Kämpfe aus. Nachdem sich Schaaf im Kampf mit Max Baer eine Kopfverletzung zugezogen hatte, führt ein vergleichsweise leichter Treffer von Primo Carnera im Kampf darauf, zu dessen tragischem Tod. Ein Schicksalsschlag der Adolf Heuser zeitlebens schwer belastet.

Dennoch bestreitet der Bonner, immer mit der Aussicht, schon bald Rosenbloom vor die Fäuste zu bekommen, binnen 15 Monaten 14 Kämpfe und gewinnt davon 13. Den USA-Trip unterbricht „die Bulldogge vom Rhein“ lediglich für einen EM-Fight im spanischen Valencia, wo er in der Stierkampfarena den Lokalmatadoren Martinez de Alfara nach zwei Minuten auf die Bretter schickt und sich zum Europameister krönt.

Während Hitler in Deutschland die Macht ergreift, kämpft Heuser wieder in den USA. Bei seiner ersten Visite noch als Sympathieträger gefeiert, ist der Boxer nun „der Nazi“ und somit der personifizierte Feind der Massen. Im März 1933 kommt es im New Yorker Madison Square Garden vor 15.000 Zuschauern endlich zum lang ersehnten WM-Fight gegen Rosenbloom. Heuser verliert und trägt schwere Gesichtsverletzungen davon. Die Experten sind sich jedoch einig, dass der Deutsche ohne das gnadenlose Pensum in den Monaten zuvor durchaus eine Chance gegen Rosenbloom, der bewusst auf Zeit gespielt hatte, gehabt hätte. Heuser selbst betonte später: „Ich hatte aufgrund der Strapazen einfach keine Kraft mehr.“

Wieder zurück in Deutschland gehört Heuser, der in seiner Laufbahn 127 Kämpfe bestreitet und dabei lediglich 22 Niederlagen hinnehmen muss, zweifellos zur europäischen Spitze. Er kreuzt die Fäuste mit Boxern wie Walter Neusel, Arno Kölblin und Karel Sys. In den späten 30er-Jahren folgt ein Highlight dem nächsten: 1937 wird Heuser erstmals gegen Adolf Witt Deutscher Meister. Am 25. März brilliert er mit einem K.o.-Sieg (7. Runde) gegen den belgischen Edeltechniker Gustave Roth und krönt sich abermals zum Europameister im Halbschwergewicht. Ein Jahr später folgt durch einen Sieg über Heinz Lazek auch der EM-Titel im Schwergewicht.

Das Schicksal schlägt zu

Doch den Champion ereilen schlimme Nackenschläge. Nach der schmerzhaften Niederlage gegen Schmeling 1939 geht es kontinuierlich bergab. Zwar wird er 1942 ein letztes Mal Deutscher Meister, doch dann verlässt ihn das Glück. Der Zweite Weltkrieg trifft den Sportler mit brutaler Härte: Die einzige Fliegerbombe, die in Weiß bei Köln detoniert, zerstört sein Haus. Ein Grundstück in Berlin wird ihm durch die deutsche Teilung genommen und seine finanziellen Rücklagen sind durch die Inflation des Krieges nichts mehr wert. Sein Frau verlässt ihn. Der ehemalige Sportheld leidet an Depressionen. Beinahe mittellos bleibt Heuser, der längst nicht mehr boxen möchte, nichts anderes übrig, als für 200 Mark seine Haut zu Markte zu tragen. Meilenweit von seiner einstigen Form entfernt, kassiert er im Ring verheerende Treffer, die irreparable Schäden zur Folge haben.

1948 geht nichts mehr. Die Depressionen haben das geschafft, was kaum einem Boxer gelang: Sie haben den Champ in die Knie gezwungen. „Im Zustand geistiger Verwirrung“ – wie es damals heißt – wird Heuser in die psychiatrische Abteilung des Landeskrankenhauses Bonn eingewiesen, wo er bis zu seinem Tod am 19. November 1988 bleibt.

„Sie haben mich entmündigt, enterbt und in eine Heilanstalt gesteckt, aber ich bin nicht so verrückt, wie man annimmt. Ich habe Anrecht auf Menschenwürde“, betont Heuser 1977 gegenüber der „Zeit“. Wenigstens Max Schmeling hält ihm die Treue: Jedes Jahr zum Geburtstag kommt ein Scheck seines einstigen Kontrahenten. Auf Heusers Beerdigung schließlich ist ein großer Kranz mit der Aufschrift „dein Freund Max“ zu finden.

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