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Verbrechen im Ring

Text: Frank Schwantes

Vor 36 Jahren fand der Kampf zwischen Billy Collins jr. und Luis Resto statt. Er wurde zu einem der dunkelsten Kapitel der Box-Geschichte – und zu einem schicksalhaften Tag für zwei junge Männer.

„1983 hatte ich mein bestes Jahr – und meine schlimmste Nacht“, sagt Luis Resto. Er sitzt auf einem Stuhl im Morris Park Boxing Club. Hier, in diesem Gym, mitten in der Bronx, arbeitet der 63-Jährige. Im Keller darunter wohnt Resto mietfrei in einem kargen Apartment. Er senkt den Kopf, sackt in sich zusammen und beginnt zu weinen. „Weil das passiert ist, wollte ich mich umbringen. Mir war es egal, ob ich sterbe oder nicht.“ Und er fragt verzweifelt: „Warum haben die Handschuhe das gemacht?“

Es ist der 16. Juni 1983, Madison Square Garden in New York. 20.000 Boxfans haben sich versammelt, die Arena ist bis auf den allerletzten Platz gefüllt. Unter ihnen Boxikone Muhammad Ali und jede Menge Prominenz aus der Showbranche, um das WM-Duell zwischen Roberto Duran und Davey Moore im Halbmittelgewicht zu sehen. Auch Luis Resto und Billy Collins jr. haben ihren Auftritt auf der Undercard – die größte Kulisse ihres Lebens.

„Wie eine Goldmine“

Collins ist 21 Jahre jung, Halbmittelgewichtler, stammt aus Nashville, Tennessee. Er hat einen blitzsauberen Kampfrekord. 14-0, darunter elf K.o., sieht dazu blendend aus. Viele sehen in dem jungen, irischstämmigen Talent einen kommenden Superstar im Preisboxen. Collins wird von Top Rank promotet, Bob Arum ist sein Mentor. „Er war wie eine Goldmine für uns“, sagte Arum später gegenüber dem Pay-TV-Sender HBO.

Anders Collins‘ Gegner: Luis Resto ist sieben Jahre älter, stammt aus Puerto Rico und ist in den Augen der Experten kaum mehr als ein besserer Aufbaugegner. Ähnlich liest sich sein Kampfrekord, 20-8-2. Doch Coach Carlos Humberto „Panama“ Lewis hat Resto zurückgeholt. Nach zwei Siegen in Folge will er seine Karriereträume noch einmal anschieben. Im Anschluss boxt an diesem Abend sein großes Idol: Roberto Duran, Panamas lebende Boxlegende.

Luis Resto vertraut seinem Coach blind. Was immer Panama Lewis forderte, Resto tut es:
„Vergiss nicht, deine Rechte doppelt zu bringen.“
„Ja, Panama.“
„Luis, tänzel nicht so viel herum.“
„Okay, Panama.“
„Luis, zieh diese Handschuhe an.“
„Geht klar, Panama.“

Überleben in der Bronx

Panama Lewis coachte in den 1970er- und 1980er-Jahren Champions wie Duran, Hector Camacho und Aaron Pryor. Der Trainerfuchs weiß, wie das Business läuft, mit all seinen Tricks und Betrügereien. Doch dass er auch gewissenlos die Gesundheit der Boxer aufs Spiel setzt, weiß Luis Resto nicht. Das soll ihm schließlich zum Verhängnis werden. Und Collins in ein tragisches Schicksal führen.

„Ich habe die Handschuhe einfach nur angezogen und gekämpft“, erzählte Luis Resto später dem US-Magazin „Sports Illustrated“. „Ich habe lange für den Kampf trainiert. Ich habe härter als je zuvor gearbeitet. Ich habe nicht betrogen. Und ich habe Billy Collins nicht getötet. Nicht ich.“

Luis Resto kommt als Neunjähriger mit seiner Mutter und seinen fünf Geschwistern nach New York, lernt dort das Überleben in der Bronx. Mit 14 fliegt er von der Schule, muss anschließend in eine psychiatrische Einrichtung für Jugendliche. Sechs Monate später ist er wieder draußen. Resto geht in ein Gym und beginnt zu boxen. Der Sport wird fortan sein Lebensinhalt. Er gewinnt zwei Mal das renommierte Golden Gloves-Turnier. Die Kette um seinen Hals, mit den goldenen Handschuhen, ist heute noch ein Zeugnis davon. Doch als er das Amateurlager verlässt und Profi wird, bleibt ihm der große Durchbruch verwehrt. Und so wird der Fighter aus der Bronx zu einem idealen Gegner für aufstrebende Boxer.

„Es fühlt sich an, als habe er Steine in seinen Handschuhen!“

Die Stimmung im Garden ist großartig, als Ringansager Michael Buffer die Kämpfer in das Seilgeviert ruft und den Fight zwischen Collins und Resto eröffnet. In den ersten drei Runden verteilt Collins ein paar starke Rechte. Aber Resto hält dagegen. Der vermeintliche Aufbaugegner ist nicht etwa, wie erwartet, schwächer als das klar favorisierte „Irish Kid“. Collins wird von seinem Vater Billy gecoacht, der ihn über Jahre akribisch auf diesen großen Moment vorbereitet hat. „Du machst das gut, Sohn“, lobt der Senior ihn während des Kampfes. „Du fightest dir dein Herz heraus.“

Doch nach fünf Runden sagt Collins zu seinem Vater: „Daddy, es fühlt sich an, als habe er Steine in seinen Handschuhen!“ Mit jeder weiteren Runde wird das Gesicht des jungen Fighters übler zugerichtet. Es gibt fast keine Stelle mehr, die nicht von den Schlägen seines Gegners gezeichnet wäre. In den Ringpausen fordert Collins sr. seinen Jungen auf, das Handtuch zu werfen. Doch der will nicht freiwillig aufgeben, sondern weiterkämpfen.

In den letzten beiden Runden artet der Fight in ein Gemetzel aus. Nur mühsam hält sich Collins noch auf den Beinen, er taumelt durch den Ring, Resto prügelt auf ihn ein, wie auf einen Sandsack. Nach zehn  Runden schließlich endet das Massaker, Luis Resto wird zum Sieger nach Punkten erklärt. Collins steht daneben, das Gesicht blutig und komplett geschwollen, sein Körper schmerzt an jeder erdenklichen Stelle.

Judaskuss für den Gegner

Als das Urteil im Garden verkündet wird, steigt Resto auf die Ringseile und lässt sich vom Publikum feiern. Dann geht er rüber in Collins‘ Ecke und gibt seinem Kontrahenten den Judaskuss. Resto geht auch zum Vater des Jungen hinüber – und der greift sich den Handschuh. Der Coach hat einen Verdacht. Er drückt die Boxerfaust und fühlt: Sie ist steinhart. „Die Handschuhe! Alles ist hart!“, schreit Collins sr. panisch auf. „Es ist etwas mit den Handschuhen, Inspektor! In den verdammten Handschuhen fehlt die Polsterung!“ Resto wird mulmig, er weicht zurück. Dann springt ihm sein Trainer Panama Lewis im Tumult zur Seite. „Das sind die Handschuhe, die sie uns gegeben haben!“, schreit Lewis dreimal hintereinander, um zu beschwichtigen.

Resto wird zu den Kabinen geführt, wo Ringrichter Tony Perez die Handschuhe kontrolliert. „Ich wusste sofort: Da fehlt etwas in den Handschuhen, die sind nicht in Ordnung“, berichtet Perez später gegenüber dem Fernsehsender HBO. Währenddessen wird der junge Collins ärztlich versorgt. Resto fragt seinen Coach, was los sei. Der antwortet: „Nichts ist los. Die wollen mich nur an die Wand nageln, weil ich so viel Erfolg habe.“

In der Geschichte des Boxsports gab es immer wieder Fälle, in denen Handschuhe manipuliert wurden. Doch nie mit solch schwerwiegenden Folgen wie im Duell Collins vs. Resto. Später stellte die New York State Athletic Commission fest: Die Hälfte des Handschuh-Innenfutters, üblicherweise gefüllt mit dickem Pferdehaar, war durch zwei Löcher entfernt worden. Der Kampf wird nun offiziell für ungültig („no contest“) erklärt.

„Sie haben meinen Sohn getötet“

Bei Billy Collins stellen die Ärzte eine Verletzung des Sehnervs und der Iris im rechten Auge fest. Das Augenlicht ist gefährdet, boxen wird er nie wieder können. Der junge Fighter zerbricht an seinem Schicksal. Er wird depressiv, beginnt zu trinken und zerschlägt zu Hause das Mobiliar. Seine Frau Andrea hält es irgendwann nicht mehr aus, verlässt ihn mitsamt der Tochter und verlangt die Scheidung.

Es ist die Nacht vom 6. auf den 7. März 1984. Nach einem Streit mit seinen Eltern setzt sich Billy Collins betrunken ins Auto. Ein Freund will ihn fahren, doch der Boxer schnappt sich die Schlüssel und rast los. Nicht einmal eine Meile vom Elternhaus entfernt, stürzt das Auto in einen ausgetrockneten Fluss. Während der Freund auf dem Beifahrersitz unverletzt überlebt, stirbt Collins beim Aufprall im Fahrzeug. Mit nur 22 Jahren.

Die Familie glaubt nicht an einen Unfall, sondern hält es für Selbstmord. „Sie haben ihn getötet. Sie haben meinen Sohn getötet“, sagt Billy Collins sr. Im Juli 1983 reicht die Familie eine 65-Millionen-Dollar-Klage ein. Gegen Resto, Lewis, Cornerman Pedro Alvarado, Ringrichter Perez, die beiden Inspektoren, Top Rank und den Boxausrüster Everlast. Zehn Jahre lang kämpfen sie gegen das Trauma und um Gerechtigkeit, doch am Ende herrscht Resignation. 1994 wird auch die letzte Klage der Familie Collins von den amerikanischen Gerichten abgewiesen.

Verbindungen zur Drogenmafia

Für Luis Resto bedeutete der Kampf am 16. Juni 1983 das Ende seiner Boxkarriere. Der Puerto Ricaner erhält ein lebenslanges Boxverbot für die Vereinigten Staaten. Auch sein Coach wird mit einer lebenslange Sperre belegt. Panama Lewis darf Boxer zwar weiterhin trainieren, aber bei Kämpfen darf er künftig weder in der Kabine noch in der Ringecke sein.

1986 wird beiden der Prozess gemacht. Wegen schwerer Körperverletzung, Betrug und kriminellen Einsatzes einer Waffe – nämlich seiner Hände – wird Resto zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt. Lewis erhält eine Haftstrafe von sechs Jahren, von denen er vier absitzt. Das Gericht sah in ihm den Haupttäter – auch, weil er Verbindungen zur Drogenmafia hatte. „Ja, er hatte immer Kokain. Er hatte auch Kontakte“, bestätigte Resto 2016 in einem Interview mit dem Magazin „Stern“. Die Polizei vermutet, dass Kokainbosse Geld auf Restos Sieg gesetzt hatten. Und Lewis sollte sich darum „kümmern“, dass sein Boxer gewinnt.

Eine Mitschuld an diesem Verbrechen im Ring? Eine Mitverantwortung am Tod von Billy Collins? Das alles weist Luis Resto von sich. Panama Lewis trage die alleinige Schuld, meint er. „Ich bin Boxer. Ich habe nur gemacht, was ich machen sollte: boxen!“

Dabei erklärte Resto bereits 2008 in einem Interview, dass er mitbekommen habe, wie seine Handschuhe vor dem Fight präpariert worden seien. Vor Gericht habe er gelogen. Auch habe ihm der Coach in den Rundenpausen manchmal etwas ins Wasser gemischt. Dopingmittel? „Ja, irgendwas, damit man wacher ist.“ Doch es kommt noch schlimmer. „Die Bandagen waren eingegipst“, gesteht Resto. „Es war Wasser und Gips drum.“

1988 kommt Luis Resto aus dem Gefängnis frei. Fortan widmet er sich vor allem dem Alkohol. Im Morris Gym in New York findet er schließlich eine Bleibe, wo er bis heute lebt und arbeitet. „Ja, ich hätte Weltmeister werden können“, ist Resto nach wie vor überzeugt. Wohl auch, weil er das glaubte, was sein Coach ihm damals erzählte. Dann sagt er: „Billy Collins ist in meinen Gedanken. Immer.“

„Verbrechen im Ring“ erschien ursprünglich in BOXSPORT Ausgabe 06/18. Weitere spannende Storys finden Sie jeden Monat im aktuellen Heft.

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