Bevor ich loslege: Ich freue mich sehr, dass du hier bist, um meine Kolumne zu lesen. Es wird chaotisch, lustig, aber hauptsächlich 100 Prozent echt. Ich werde von vielen Anekdoten und Erfahrungen aus dem Boxen berichten, aber dir auch spannende Insights in meinen alltäglichen Wahnsinn geben. Und jetzt heißt es: Ring frei!

Gestern hat mich mein Trainer John David Jackson etwas gefragt, worüber ich tatsächlich länger nachdenken musste: „Was ist dir lieber? Jemand wie ich, der dir immer ehrlich sagt, was er sieht, auch wenn es manchmal hart ist? Oder jemand, der hauptsächlich das Gute hervorhebt?“ Meine Antwort darauf ist eigentlich ziemlich eindeutig: Ich will die Wahrheit.
Natürlich hört niemand gerne, dass etwas nicht gut war. Gerade als Leistungssportlerin steckt man unglaublich viel Zeit, Energie und Herzblut in das, was man tut. Man trainiert täglich, verzichtet auf vieles und möchte am Ende natürlich auch hören, dass sich die Arbeit auszahlt. Ein „Das war richtig gut“ fühlt sich immer besser an als ein „Daran müssen wir in Zukunft mehr arbeiten“. Aber genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen jemandem, der einem ein gutes Gefühl gibt, und jemandem, der einen wirklich besser machen möchte.
Ehrlich, aber nicht respektlos
Ein guter Trainer muss nicht ständig nett oder unser Freund sein. Er muss ehrlich sein und uns an unsere Grenzen bringen, um das Beste aus uns herauszuholen. Das bedeutet nicht, respektlos, verletzend oder permanent negativ zu sein. Es bedeutet auch nicht, dass Lob unwichtig wäre. Im Gegenteil: Gute Leistungen sollten gesehen und benannt werden. Aber Lob verliert seinen Wert, wenn es unabhängig davon kommt, wie die Leistung tatsächlich war.
Gerade im Boxen kann falsches Lob sogar gefährlich werden. Wenn ich glaube, meine Deckung sei gut, obwohl sie es nicht ist, wird mir spätestens meine Gegnerin zeigen, dass dem nicht so ist. Wenn meine Beinarbeit nicht stimmt, meine Distanz schlecht ist oder ich taktische Fehler mache, dann möchte ich das lieber im Gym erfahren als im Kampf.
Es gibt Tage, an denen mein Coach nach einer Einheit sagt, dass etwas richtig gut war. Und es gibt Tage, an denen ich selbst denke, dass das Training eigentlich ganz ordentlich lief – und dann kommt von ihm eine komplett andere Einschätzung. Das ist nicht immer angenehm. Manchmal geht man nach Hause und denkt noch Stunden darüber nach. Aber genau diese Momente bringen einen häufig weiter und sind ein wichtiger Ansporn für die Motivation.
Vertrauen als Basis
Denn Entwicklung entsteht selten dort, wo einem ausschließlich bestätigt wird, was man ohnehin schon gut kann. Entwicklung passiert meistens dort, wo jemand genau hinschaut und einem zeigt, was man selbst vielleicht noch nicht sehen möchte. Dabei spielt Vertrauen eine enorme Rolle. Kritik funktioniert nur dann, wenn man weiß, aus welcher Intention sie kommt. Wenn ich meinem Trainer vertraue, weiß ich: Er kritisiert mich nicht, um mich kleinzumachen. Er kritisiert mich, weil er glaubt, dass ich es besser kann.
Das verändert die gesamte Bedeutung einer Aussage. „Das war nicht gut“ bedeutet dann nicht: „Du bist nicht gut.“ Es bedeutet: „Da ist noch mehr möglich.“ Und genau darin liegt für mich eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Trainers: Er sieht nicht nur, wo du gerade stehst. Er sieht auch, wo du hinkommen könntest. Und er ist bereit, dir ehrlich zu sagen, was zwischen diesen beiden Punkten noch fehlt.
Natürlich braucht jeder Mensch etwas anderes. Manche Athleten benötigen mehr Bestätigung, andere kommen sehr gut mit direkter Kritik zurecht. Ein guter Coach sollte deshalb auch wissen, wie er mit welchem Athleten kommunizieren muss. Aber unabhängig vom Kommunikationsstil sollte eines immer gleichbleiben: Ehrlichkeit. Denn ein Trainer, der mir nur sagt, was ich hören möchte, schützt vielleicht kurzfristig mein Gefühl. Ein Trainer, der mir sagt, was ich hören muss, schützt langfristig meine Entwicklung.
Und wenn ich mich zwischen beiden entscheiden müsste, würde ich immer den Trainer wählen, der ehrlich mit mir ist. Auch dann, wenn mir seine Antwort manchmal nicht gefällt. Vielleicht gerade dann.
Sarah Liegmann
Sarah Liegmann wurde am 26. Januar 2002 in Bonn geboren. Die Federgewichtlerin boxt seit 2021 als Profi, trainiert und lebt in Deutschland und in den USA. Liegmann alias „The Princess“ ist amtierende WBC-Junioren-Championesse. Zudem sicherte sich die frühere Kickboxerin den WM-Gürtel des Verbandes WBF.
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