Bevor ich loslege: Ich freue mich sehr, dass du hier bist, um meine Kolumne zu lesen. Es wird chaotisch, lustig, aber hauptsächlich 100 Prozent echt. Ich werde von vielen Anekdoten und Erfahrungen aus dem Boxen berichten, aber dir auch spannende Insights in meinen alltäglichen Wahnsinn geben. Und jetzt heißt es: Ring frei!

Von außen betrachtet wirken Boxer stets stark, selbstsicher, souverän und unzerbrechlich. Was wirklich in vielen Sportlern vor sich geht, sieht die Außenwelt jedoch nur in den seltensten Fällen. Mit wachsendem Erfolg werden der Erwartungsdruck, die Selbstzweifel und die Angst zu versagen immer größer. Druck, der zunächst vielleicht nur extrinsisch motiviert war, wird schnell verinnerlicht und bekommt eine intrinsische Dynamik, der viele dauerhaft nicht standhalten können. Leistungssportler haben auf ihrem Erfolgsweg oft den einfachen „Spaß“ und die Liebe zum Sport verloren, denn das Rampenlicht verändert Persönlichkeiten.
Im Boxbusiness steht man vor dem großen Problem, dass es eine Art unausgesprochenes Gesetz gibt: Das Verlieren eines Kampfes zerstört die Karriere. Viele haben Angst, Sponsoren, Promoter oder Manager – und somit auch finanzielle Mittel – zu verlieren. Ein Blick auf das MMA zeigt, dass es dort als normal angesehen wird, auch mal Kämpfe zu verlieren, und dass die Kämpfer dennoch bemerkenswerte Karrieren hinlegen können. Auch die ganz Großen wie Ali oder Tyson haben keinen makellosen Fight-Rekord – dennoch will jeder die Karriere von beispielsweise Mayweather haben. Eine Niederlage kratzt an der Identität des Sportlers und kann sein Selbstbild erschüttern. Es folgt ein Kreislauf aus Selbstzweifeln.
Politik im Boxen
Neben dem großen Einfluss auf die Psyche der Sportler kommen Macht und Manipulation hinzu. Leider geht es häufig nicht nur darum, wer der bessere Kämpfer ist, sondern auch darum, wer die besseren Verbindungen hat. Es kommt zu einer Art Politik im Sport. Boxer stehen vor Vertragsverhandlungen und müssen sich auf Menschen verlassen, obwohl sie ihnen oft nicht vertrauen können. Dennoch darf man zu keinem Zeitpunkt vergessen, dass diese Menschen nicht nur die sportliche Karriere, sondern auch ihren größtmöglichen Profit im Blick haben.
Schnell wird deutlich, dass der Sport zu einem komplexen Business wird, was wiederum zu einer enormen psychischen Belastung führen kann. Der Druck ist somit nicht nur im Ring wiederzufinden.
Schließlich kann diese permanente psychische Belastung zu innerer Erschöpfung führen. So kommt es nicht selten bei Sportlern zu Depressionen. Besonders gefährlich ist die Unsichtbarkeit dieser Erkrankung. Viele Athleten funktionieren weiter, obwohl sie innerlich längst zusammengebrochen sind. Tyson Fury ist das bekannteste Beispiel: Er sprach offen über seine Depressionen, die von Alkohol- und Drogenmissbrauch begleitet waren.
Das schützende Auge
Um solchen Dynamiken entgegenzuwirken, ist es entscheidend, Bezugspersonen zu haben, denen man vertraut und gegenüber denen man sich öffnen kann. Für viele Boxer ist das der Trainer. Er übernimmt eine große Verantwortung und sollte Warnsignale erkennen sowie ein schützendes Auge über seinen Schützling haben – nicht nur im Training, sondern auch im sonstigen Business. Die mentale Fitness ist die Grundlage für jede sportliche Höchstleistung. Deshalb entscheiden sich einige Sportler bewusst dafür, dauerhaft von Sportpsychologen betreut zu werden, um ihre mentale Gesundheit zu schützen und zu stärken.
Sarah Liegmann
Sarah Liegmann wurde am 26. Januar 2002 in Bonn geboren. Die Federgewichtlerin boxt seit 2021 als Profi, trainiert und lebt in Deutschland und in den USA. Liegmann alias „The Princess“ ist amtierende WBC-Junioren-Championesse. Zudem sicherte sich die frühere Kickboxerin den WM-Gürtel des Verbandes WBF.
Webseite: princess-boxing.de
Instagram: sarahliegmann
Facebook: sarah.liegmann