Sarah Liegmann – aus der Ringecke: Eine ganz andere Erfahrung | BOXSPORT

Sarah Liegmann – aus der Ringecke: Eine ganz andere Erfahrung

Bevor ich loslege: Ich freue mich sehr, dass du hier bist, um meine Kolumne zu lesen. Es wird chaotisch, lustig, aber hauptsächlich 100 Prozent echt. Ich werde von vielen Anekdoten und Erfahrungen aus dem Boxen berichten, aber dir auch spannende Insights in meinen alltäglichen Wahnsinn geben. Und jetzt heißt es: Ring frei!

Teil eins der Kolumne von Sarah Liegmann über die Vorbereitung auf ihren letzten Kampf findet ihr im aktuellen Magazin. Ab jetzt in der BOXSPORT-AppHier geht es zum Abonnement!

Die Fight Week zog sich hin, denn in Santo Domingo gab es kaum etwas zu unternehmen. Selbst entspannt essen zu gehen, war wegen des Weight Cuts kaum möglich – wir waren praktisch ans Hotel gebunden. Durch einen Sturm wurde dies für anderthalb Tage sogar bittere Realität.

Gerade aus dem Fitnessstudio kommend, ging ich mit meiner Mutter zurück aufs Zimmer. Draußen hatte es leicht angefangen zu regnen und zu stürmen. Acht Etagen höher war daraus inzwischen ein heftiger Tropensturm geworden. Kaum im Zimmer angekommen, ging plötzlich alles ganz schnell. Wind und Regen peitschten gegen die Fenster. Als ich im Türrahmen meines Schlafzimmers stand, sah ich, wie die Balkonstühle über den Balkon geschleudert wurden. Im nächsten Moment krachte erst der eine, dann direkt der zweite Stuhl in meine Balkontür. Der Rahmen und die Dichtung der Doppelverglasung lösten sich und eine Scheibe sprang aus der Verankerung. Die Stühle verabschiedeten sich irgendwo acht Stockwerke tiefer, genauso wie die Hälfte meines Fensters.

Plötzlich war alles laut und nass, weil der Sturm direkt ins Zimmer zog. Innerhalb von zwei Minuten räumten wir alle Sachen aus meinem Schlafzimmer in den anderen Raum, schlossen die Tür und packten das Wichtigste in eine Tasche. Von unserem Hotelfenster aus sahen wir, wie die Straße vom Meer überflutet wurde. Die Autos standen halb im Wasser, es wirkte fast wie ein Hurricane.

Keine Umkleiden, keine Toiletten

Am nächsten Tag kam der amerikanische Teil unseres Teams im Hotel an. Allerdings hatte der Promoter vergessen, die zwei weiteren Kämpfer einzuchecken. Die beiden standen also an der Rezeption und wussten nicht, ob sie überhaupt noch ein Zimmer bekommen würden. Zwei Stunden später hatten sie schließlich Glück und konnten doch noch einchecken.

Zum Training fuhr ich jeden Tag etwa 20 Minuten mit dem Uber in östlicher Richtung. Dort gibt es einen großen Sportpark mit einem halboffenen Boxgym und verschiedenen Sportanlagen. Auch meine ehemalige Gegnerin Liliana Martinez trainiert dort mit ihrem Team. Dienstag und Mittwoch in der Fight Week trainierten wir gemeinsam und bereiteten uns auf unsere Kämpfe vor. Das Gym war extrem minimalistisch ausgestattet und hat mir noch einmal gezeigt, wie privilegiert wir zu Hause eigentlich sind: Es gab einen Ring, zwei Sandsäcke und ein Paar Pratzen, aber keine Umkleiden und nicht einmal Toiletten.

Der perfekte Abschluss

Wie erwartet begann das offizielle Wiegen zwei Stunden zu spät. Das wäre halb so wild gewesen, wenn das Ganze nicht in einem Restaurant stattgefunden hätte. Während wir 30 Kämpfer warteten, saßen um uns herum Gäste beim Mittagessen. Dadurch fühlten sich die Stunden wie eine halbe Ewigkeit an.

Nach dieser chaotischen Woche war die Fight Night selbst der perfekte Abschluss. Die beiden Kämpfer aus Miami waren für Kampf zwei und acht angesetzt, ich als Main Event für Kampf 15, da die Veranstaltung erst um 19 Uhr starten sollte. Ich schickte das Team schon gegen 18 Uhr rüber und blieb mit meiner Mutter noch im Hotel. Mir war klar, dass ich bei so einer überfüllten Fight Card niemals vor 23 Uhr im Ring stehen würde.

Am Ende begann die Veranstaltung mit zwei Stunden Verspätung erst um 21 Uhr. Irgendwann merkte ich, dass ich ständig die möglichen Kampfzeiten durchrechnete und langsam die Nerven verlor. Als ich dann um 21:20 Uhr an der Halle ankam und plötzlich wegen eines schweren Unwetters im gesamten Viertel der Strom ausfiel, hatte ich mental fast schon mit dem Kampf abgeschlossen. Es dauerte weitere anderthalb Stunden, bis die Veranstaltung weitergehen konnte. Der Repräsentant der WBA war so genervt, dass er darauf bestand, den Frauenkampf vorzuziehen.

Kampf gegen Mitternacht

So standen wir schließlich um halb zwölf nachts im Ring. Plötzlich war ich wieder voller Energie und Emotionen. Der Kampf wurde vorzeitig abgebrochen, weil sich meine Gegnerin nach der zweiten Runde nicht mehr erholte und nicht mehr aus ihrer Ecke kam. Ich war überglücklich und, nachdem das Adrenalin nachgelassen hatte, einfach nur noch erschöpft. Am wichtigsten war, dass mein Daumen es gut überstanden hatte. An diesem Abend wurden viele Kämpfe abgesagt, da es unzumutbar gewesen wäre, erst um zwei Uhr morgens anzutreten.

Nachdem alles vorbei war, verließen wir sofort die Halle und fuhren zurück ins Hotel. Unterwegs bestellte unser „Team-Papa”, wie wir ihn nennen, für jeden noch etwas zu essen. Wir saßen gemeinsam im Hotel, aßen schnell und fielen danach völlig erledigt ins Bett.

Santo Domingo, danke für diese Erfahrung, aber so schnell muss ich dich nicht wiedersehen.

Sarah Liegmann

Sarah Liegmann wurde am 26. Januar 2002 in Bonn geboren. Die Federgewichtlerin boxt seit 2021 als Profi, trainiert und lebt in Deutschland und in den USA. Liegmann alias „The Princess“ ist amtierende WBC-Junioren-Championesse. Zudem sicherte sich die frühere Kickboxerin den WM-Gürtel des Verbandes WBF.

Webseite: princess-boxing.de
Instagram: sarahliegmann
Facebook: sarah.liegmann

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