Im dritten Teil des exklusiven BOXSPORT-Interviews enthüllt Felix Sturm wie es für ihn nach dem „One Last Dance” weitergehen soll.

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews. Teil zwei des Interviews findet ihr hier.
Wer war der beste Boxer, gegen den du je geboxt hast?
Oscar de la Hoya. Seine linke Hand war hart wie ein Pferdetritt. Und boxen konnte er auch. Er feuerte starke Kombinationen ab, war variabel, hatte Power, hatte Erfahrung. Es waren noch andere sehr gute Boxer dabei, auch kämpferisch starke Leute, keine Frage. Aber vom Gesamtpaket war Oscar der Beste.
Gibt es einen Kampf, den du gerne bestritten hättest, der aber nie zustande kam?
Bernard Hopkins wäre natürlich ein Thema gewesen. Ich boxte gegen de la Hoya, aber ein Kampf gegen Hopkins war nicht garantiert. Irgendwie kam es nicht dazu. Mir wurde auch immer wieder die Frage gestellt, warum ich nicht öfter in den USA geboxt habe. Das ist relativ simpel: Ich boxte unter deutscher Flagge, und die Amerikaner wollen amerikanische Weltmeister, amerikanische Champions, amerikanische Helden. Als Deutscher in den USA ein Pay-per-View-Star zu werden ist eine schwierige Nummer.
Wenn man so lange boxt wie du: Was verändert sich stärker – der Blick auf Gegner oder der Blick auf sich selbst?
In erster Linie konzentrierte ich mich immer auf mich selbst. Klar schaut man sich den Gegner an. Man muss wissen, wie er boxt, welche Stärken er hat, welche Schwächen. Aber bei mir war es oft so, dass sich Gegner auf mich umgestellt haben. Sie versuchten, sich auf meinen Double-Jab einzustellen, gewisse Dinge zu vermeiden.
Am Ende ist immer die Frage: Wer kann wem seinen Kampfstil aufdrücken? Ich versuchte viel über den Jab und über Druck aufzubauen. Aber es gab auch Boxer, die extrem hart geschlagen haben, wie Masoe oder Castillejo. Da wusste ich: Da muss ich mehr boxen, meinen Jab nutzen, Kombinationen schlagen, mich bewegen. Da darf ich nicht zu viel Druck aufbauen, weil ich sonst eventuell in Konter laufe. Man muss sich von Kampf zu Kampf individuell einstellen. Aber grundsätzlich lag der Fokus immer auf mir. Du hast auch schwere Phasen außerhalb des Rings erlebt und bist verurteilt worden. Was hast du daraus gelernt?
Was ich jedem raten kann: Man muss sich in Deutschland Top-Anwälte holen und sich beraten lassen. Das ist das beste Geld, das du investieren kannst. Wenn du eine Top-Kanzlei und einen Spitzen-Anwalt hast, die sich mit Wirtschaftsthemen auskennen, bist du ganz anders aufgestellt. Wenn ich die Kanzlei und den Anwalt, die ich heute an meiner Seite habe, schon vor zehn oder 15 Jahren gehabt hätte, wäre vieles anders gelaufen. Aber was passiert ist, ist passiert. Ich bin dankbar, dass ich sie heute an meiner Seite habe.
In jedem Übel steckt auch etwas Gutes. Für mich ist diese Sache hinter mir. Persönlich nimmt jeder aus solchen Phasen etwas mit. Aber das Wichtigste ist: Wenn du eine Person des öffentlichen Lebens bist, brauchst du Menschen an deiner Seite, die sich mit diesen Themen auskennen. Da ist Geld sehr gut investiert. Anwälte, Kanzleien, Leute, die über deine Sachen schauen, im besten Fall auch buchhalterisch alles sauber führen. Dann weißt du, dass du auf der sicheren Seite bist.
Viele Sachen ploppen bei anderen vielleicht gar nicht auf, aus verschiedenen Gründen. Meine Sache ist aufgeploppt. Aber man darf nicht vergessen: Am Ende sind von dem Vorwurf der Steuerhinterziehung in Summe nur 6,8 Prozent geblieben. Aus zehn Millionen wurden 680.000 Euro. Das ist eine wahnsinnige Differenz, über die kaum jemand geschrieben oder gesprochen hat. Am Prozesstag wurde auch gesagt: Hätte man das Thema vorher so aufgearbeitet, wie es vor Gericht aufgearbeitet wurde, wäre es wahrscheinlich nie zu der Situation gekommen, zu der es kam.
Nach dem letzten Gong: Wer ist Felix Sturm dann im Boxsport – Trainer, Mentor, Promoter, Gym-Betreiber, Talentscout? Oder willst du erst einmal Abstand?
Erst mal Ferien. Ich bin dann mit der Familie im Urlaub. Danach gibt es das ein oder andere Angebot, und ich habe auch meine eigenen Sachen, die ich verfolgen werde. Eine Beratertätigkeit kann ich mir vorstellen. Aber dass ich jetzt Vollzeit-Trainer oder Vollzeit-Mentor werde, nein. Das will ich nicht. Alles in einem überschaubaren Rahmen. Nicht so, dass ich jedes Wochenende irgendwo hinfliegen oder irgendwo sein muss. Das mache ich auf keinen Fall.
Alles, was jetzt kommt, muss in einem überschaubaren Rahmen bleiben. Außerdem gibt es für mich auch andere Themen außerhalb des Boxens. Man wird mich ab und an am Ring sehen. Ich bin ja nicht komplett weg. Ich weiß, wie man einen Boxstall aufbauen könnte, wie man so ein Thema angehen muss. Es gibt Wege, aber alles braucht Zeit. Das müssen Promoter und Manager verstehen. Manche wollen schnell, schnell ihren Boxstall nach oben bringen, um Prozente abzukassieren. Aber so funktioniert dieses Spiel nicht.
Gewisse Sachen brauchen Zeit. Die Jungs brauchen Ruhe, sie müssen sich entwickeln. Es wird nicht alles reibungslos laufen. Bei mir war es nicht reibungslos, bei den Klitschkos nicht, bei niemandem. Es gibt Verletzungen, Rückschläge, Probleme. Eine reibungslose Karriere gibt es nicht. Da muss man Ruhe bewahren.
Gibt es etwas an Felix Sturm, das die Öffentlichkeit nie richtig verstanden hat?
Jeder sieht in mir, was er sehen will. Das habe ich über die Jahrzehnte im Sport gelernt. Ich war in jungen Jahren sehr weit oben, und das hat nicht jedem gefallen. Ich wurde zu 98 Prozent gefeiert. Es gibt immer ein, zwei Prozent Menschen, die dich aus irgendeinem Grund nicht feiern, nicht gut finden oder schlecht bewerten. Das gehört dazu. Nicht nur bei mir, sondern bei vielen Sportlern und Personen des öffentlichen Lebens.
Ich wurde manchmal in eine Schublade gedrängt, in der ich selbst nie war. Da hieß es: Der ist komisch, der ist arrogant. Dabei war ich immer eher zurückhaltend, immer ein ruhiger Typ. Ich bin keiner, der ständig auf sich aufmerksam machen muss, auf jeden roten Teppich rennt oder zu allem etwas sagen muss. Ich bin auch niemand, der dreimal am Tag irgendetwas auf Social Media hochlädt.
Ich habe meine Leute, mit denen ich gerne bin und mit denen ich spreche. Ich bin viel mit meinem Sohn zusammen. Er ist mittlerweile ein großer junger Mann, größer als ich. Ich habe meine Familie, meine Jungs aus der Familie. Salih, Chris (Mohr; Anm. d. Redaktion) und ich verstehen uns auch privat sehr gut und verbringen viel Zeit miteinander.
Ich glaube, manche Leute wollten etwas in mir sehen, was ich nicht bin, nie war und nie sein werde. Jeder, der mich kennt und schätzt, weiß, wie ich als Mensch bin. Ich bin ein entspannter, angenehmer Typ. Auch wenn mich Leute ansprechen, die ich nicht kenne, und fragen: Wie geht’s, alles gut, können wir ein Foto machen? Dann nehme ich mir Zeit. Aber du kannst es nicht jedem recht machen. Wenn du mit hundert Leuten ein Bild machst und dem einen kein Bild gibst, bist du direkt ein Idiot. So ist das. Am Ende kann ich es nicht jedem recht machen und will es auch gar nicht. Das sage ich auch den Jungs: Versteckt euch nicht, seid einfach authentisch. Wenn man Interviews von mir sieht oder irgendwas auf YouTube, dann sieht man: Ich bin so, wie ich bin. Ich sage frei Schnauze, was ich denke. Wenn jemand sagt, er sieht es anders, ist das okay.
Man muss im Leben klipp und klar sein. Ich stehe meinen Mann, und ich stand immer meinen Mann. Ich habe meine Sachen durchgezogen, auch wenn Dinge blöd gelaufen sind. Leute erlauben sich ein Urteil über mich, dann darf ich mir auch ein Urteil über andere erlauben. Ich sage transparent und klar, wie es ist. So kommst du im Leben am weitesten – nicht, wenn du immer nur Schleifen drehst und am Ende doch nicht zum Ziel kommst.