Sturm: „Heute suchen Partner nach fertigen Boxern“ | BOXSPORT

Sturm: „Heute suchen Partner nach fertigen Boxern“

Im ersten Teil des exklusiven BOXSPORT-Interviews verrät Felix Sturm, worauf er sich bei seinem letzten Kampf besonders freut und was dem deutschen Boxen im Vergleich zu früher fehlt.

45 Siege, 6 Niederlagen, 3 Unentschieden: Felix Sturm bestreitet in Stuttgart seien 55. und letzten Profikampf. (Foto: imago-images / wolf-sportfoto)

Felix, dein nächster Kampf wird dein letzter sein. Gibt es irgendetwas an diesem Abend, auf das du dich besonders freust?

Der gesamte Abend ist speziell. Eigentlich nicht nur der Abend, sondern die ganze Kampfwoche. Das Wiegen, die letzten Tage, die letzten Einheiten, sogar die letzten Kilo, die ich als Wettkämpfer noch machen muss – darauf freue ich mich. Ich werde jeden einzelnen Moment genießen. Den Kampf sowieso. Aber diesen einen speziellen Moment gibt es nicht. Für mich ist aktuell besonders, dass die Zeit extrem schnell vergeht. Das ist auch ein bisschen schade und traurig für mich.

Wie wird dieser Box-Abend ablaufen?

Ich bin ein Wettkampf-Typ. Es gibt Boxer, die gehen vorher in die Halle, haben ihre Rituale, saugen alles auf. Bei mir ist das anders. Wenn Kampfabend ist, komme ich ungefähr zwei Stunden vorher in die Halle, mache mich fertig, und dann marschieren wir ein. Ich denke, es wird sehr, sehr laut. Zahlreiche Leute sind angekündigt, es wird Prominenz da sein, und der Rahmen wird einfach schön.

Wichtig ist aber nicht nur mein Kampf. Wir haben viele tolle Rahmenkämpfe, viele Top- Talente aus Deutschland. Klar wird der Fokus an dem Abend zum größten Teil auf mir liegen, aber es ist auch schön, dieser neuen Generation eine Plattform zu geben. Die Jungs können sich zeigen und beweisen, dass das deutsche Boxen lebt. Dass es wieder nach oben kommen kann – mit den richtigen Menschen um den Ring herum und mit Leuten, die wissen, wie man so ein Thema angeht.

Du hast immer wieder gesagt, dass du dem deutschen Boxen etwas zurückgeben willst. Was fehlt dem deutschen Boxen aktuell am meisten?

In erster Linie fehlen Partner. Früher waren da ARD, ZDF, RTL, ProSieben, Sat.1 – Sender, die uns mitbegleitet und den Jungs Zeit gegeben haben, sich aufzubauen. Wir kommen aus einer anderen Zeit. Da hat sich alles verändert. Viele unterschätzen, was Streamingdienste und Social Media mit dem Sport gemacht haben. Wir kommen aus einer Zeit, in der wir Weltmeister werden, Hallen füllen und immer wieder auf neue Plattformen kommen mussten. Damals gab es andere Tools: Zeitungen, große Tageszeitungen, TV-Shows. Man musste ein Typ sein, ein Gesicht haben, damit man überhaupt eingeladen wurde. Dann kam Facebook, dann Instagram, TikTok, YouTube – das sind ganz andere Zeiten.

Heute suchen viele Streamingdienste nur nach fertigen Boxern. Nach Jungs, die schon Weltmeister sind oder kurz davor stehen. Diesen Aufbau, wie wir ihn damals hatten, gibt es kaum noch. Wir hatten das große Glück, dass Dariusz Michalczewski, die Klitschkos, Henry Maske und ein paar andere Vorreiter waren. Danach kam eine neue Generation mit mir, Arthur Abraham und einigen anderen Jungs. Wir haben das Thema weitergetragen. Irgendwann ist Boxen aber ein bisschen vergessen worden, weil die Qualität nicht mehr so da war, wie man sie von früher kannte. Und die Typen waren auch nicht mehr da. Jetzt gibt es wieder ein paar Jungs, die Großes erreichen können. Die das Zeug haben, Weltmeister zu werden, Hallen zu füllen. Es muss am Anfang keine Porsche-Arena oder Lanxess-Arena sein. Erst mal eine Halle mit 2.000 oder 3.000 Fans. Dann baut man Aufmerksamkeit auf.

Dafür hat man heute Social Media. YouTube, TikTok, Instagram – darüber kann man sich seinen eigenen Kanal aufbauen und interessant machen. Man sieht weltweit, wie viele Streamer Plattformen bekommen. Man kann vieles davon eins zu eins aufs Boxen übertragen. Man muss sich nur die Mühe machen. Promoter müssen andere Wege gehen. Die Frage ist, ob sie dazu bereit sind und ob sie die Geduld mitbringen.

Es gibt Kandidaten, die im Boxsport bemüht sind. Aber man muss kreativer sein als in der Vergangenheit. Einfach nur darauf warten, dass ein Boxer „fertig“ ist, funktioniert nicht. Man muss Geschichten aufbauen, einen Boxer individuell betreuen. Jeder ist anders, jeder braucht seine eigene Story. Das vergessen viele.

Kann Agit Kabayel so eine Art Vorreiter sein?

Agit ist kein klassischer Vorreiter, aber seine Geschichte ist extrem stark. Er ist jetzt WBC- Weltmeister, und er hat sich nach oben geprügelt. Das hört sich vielleicht blöd an, aber genau so ist es. Er hat alle aus dem Weg geräumt, die aus dem Weg zu räumen waren. Er ist den alten Weg gegangen. Er hat sich über Kämpfe bewiesen. Er ist nicht groß geworden, weil er eine riesige Social-Media-Plattform hatte. Er ist groß geworden durch die Art, wie er als Typ und als Kämpfer ist. Er hat diese ganzen Kolosse aus dem Weg geräumt und sich nach oben gekämpft. Das verdient Respekt.

Das Schwergewicht ist natürlich noch mal speziell. Und Agits Zeit ist speziell, weil da große Namen sind wie Oleksandr Usyk, Tyson Fury und einige andere. Wenn dann einer aus Deutschland kommt, den viele gar nicht so auf dem Zettel hatten und der solche solche Top-Leute schlägt oder dem viele aus dem Weg gehen, dann zeigt das einfach seine Qualität.

Doch Agits Weg dahin war steinig. Jetzt wird er eingeladen, jetzt berichten viele über ihn, jetzt supporten ihn viele. Das kenne ich auch von mir. Wenn man oben ist, dann wird man gerne eingeladen, dann darf man Geschichten erzählen. Aber auf dem Weg dahin haben Agit nur wenige begleitet oder gepusht. Er hat sich das alles selbst erarbeitet.

Teil zwei und drei des Interviews findet ihr in den kommenden Tagen auf box-sport.de.

Interview von Robin Josten

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