Sturm: „Der erste Titelgewinn ist natürlich speziell“ (II) | BOXSPORT

Sturm: „Der erste Titelgewinn ist natürlich speziell“ (II)

Im zweiten Teil des exklusiven BOXSPORT-Interviews spricht Felix Sturm über seine größten Erfolge und warum das Mindset der Schlüssel zum Erfolg ist.

2003 gewinnt Felix Sturm gegen Javier Alberto Mamani (l.) seinen ersten WM-Titel (IBF) im Mittelgewicht. (Foto: imago-images / Bearing)

Hier geht es zum ersten Teil des ausführlichen Interviews mit Felix Sturm.

Wenn du heute dem jungen Adnan Catic begegnen würdest, der in Leverkusen mit dem Boxen anfängt: Was würdest du ihm raten – und wovor würdest du ihn warnen?

Vor gar nichts. Ich würde alles eins zu eins noch mal so machen, wie ich es gemacht habe. Ich würde nichts ändern. Diese Frage bekomme ich oft in Podcasts und Interviews gestellt. Am Ende hat jeder seine eigene Geschichte. Jeder muss seinen Weg gehen und seine Erfahrungen sammeln. Wenn mich jemand fragt, ob ich irgendwas bereue: Nein, ich bereue nichts. Vielleicht bereue ich höchstens, dass ich die Menschen, die ich heute um mich habe, nicht schon viel früher um mich hatte. Das sind Leute, die mich maximal supporten, die wirklich an meiner Seite sind und sich ehrlich mit mir freuen.

Jeder junge Boxer soll seinen eigenen Weg gehen. Ich habe Jungs im Gym, die mich jeden Tag etwas fragen – wegen Gewichtmachen, wegen Erfahrungen, wegen allen möglichen Dingen. Klar gebe ich Rat. Aber jeder hat seinen eigenen Kopf, seinen Charakter, und jeder lernt aus gewissen Sachen.

Wenn ich einen guten Rat geben kann, dann der: Hab jemanden an deiner Seite, dem du vertraust. Jemanden, bei dem du weißt, dass Dinge zwischen euch bleiben. Jemanden, der dir einen gut gemeinten Rat gibt. Das kann ein Elternteil sein, jemand aus der Familie, ein sehr enger Freund, ein Anwalt. Jemand, der ein bisschen außerhalb dieser Box steht und neutral und objektiv mit dir sprechen kann.

Das ist wie im Ring. Ich denke vielleicht, das ist gut, aber mein Trainer sagt: Mach es so und so, das kommt besser. Man braucht Menschen um sich herum, die einem nicht nur auf die Schulter klopfen, solange alles funktioniert. Man braucht Leute, die objektiv bleiben und Dinge ehrlich bewerten.

Du hast mit vielen Trainern gearbeitet. Gibt es einen Satz oder eine Lektion, die bis heute hängen geblieben ist?

Ja. Mein aktueller Trainer Salih Yildirim sagte zu mir: Tu es für dich. Tu es für niemanden sonst. Das war eine Lektion, die ich nach all den Jahrzehnten in diesem Sport zum ersten Mal so klar mitgenommen habe. Alles, was man sportlich macht, macht man in erster Linie für sich. Familie ist eine andere Sache. Aber sportlich gesehen machst du es für dich und für niemanden anders.

Viele Sportler sagen, dass der Körper irgendwann Grenzen setzt, der Kopf aber noch weiter will. Wie war das bei dir: Musstest du eher deinen Körper überzeugen – oder deinen Kopf bremsen?

Das war eine ganz bewusste Entscheidung von mir. Irgendwann muss Schluss sein. Wenn wir ehrlich sind: Ich mache das überdurchschnittlich lange, und ich bin für mein Alter weiterhin in hervorragender Form. Ich trainiere oft mit freiem Oberkörper, weil es morgens im Gym extrem heiß ist, und ich sehe ja selbst, wie ich mich noch weiterentwickle. Ich war immer in guter Verfassung, in guter Form. Ich traue mir locker noch vier bis sechs Kämpfe zu. Aber ich sagte immer: Ich will mich auf meine Art vom Boxen verabschieden. Und irgendwann muss es gut sein.

Mein Sohn wird im Oktober 17 Jahre alt, meine Tochter ist elf und wird im kommenden Jahr zwölf. Die bekommen alles sehr bewusst mit, vor allem mein Sohn. Wenn du immer im Training bist, hast du auch mal Kratzer, bist müde, bist in deiner Welt. Ich esse meistens allein, weil meine Familie natürlich ein ganz normales Leben führt. Spaghetti Bolognese, Pizza, Burger – solche Sachen. Ich lebe nach Plan. Training, Essen, Physiotherapie, Kältekammer. Mein Tag ist komplett anders geplant als der Tag meiner Familie.

Irgendwann ist es gut. Meine Frau macht das seit 21 Jahren mit. Meine Kinder seit Tag eins. Sie mussten extrem viel auf mich verzichten. Irgendwann musst du sagen: Danke. Es war eine tolle Zeit. Alles hat einen Anfang, alles hat ein Ende. Ich hatte einen super Anfang, eine tolle Karriere, und jetzt verabschiede ich mich auf meine Art. Nach all den Amateurkämpfen, Profikämpfen und gefühlt 100 Millionen Sparringsstunden reicht es einfach.

Ist jetzt auch die Zeit gekommen, der Familie etwas zurückzugeben?

Definitiv. Einfach Familienleben. Einfach mal ein ruhiges Wochenende. Jetzt waren es zehn Wochen, jedes Wochenende Training. Ich muss schlafen, essen, trainieren, regenerieren. Die Kinder stecken da zurück. Meine Tochter sehe ich, wenn ich Glück habe, morgens ein paar Minuten und dann abends. Am Wochenende ist der Sonntag frei, da kann man ein bisschen mehr machen, aber ehrlich gesagt liege ich dann oft die meiste Zeit, weil ich komplett regenerieren muss.

Meine Familie sind meine Helden. Meine Frau, meine Kinder – die haben alles für mich zurückgesteckt. Komplett. Keiner hat sich je beschwert. Meine Frau hat in 21 Jahren kein einziges Mal gejammert oder irgendwas infrage gestellt. Auch jetzt nicht, als ich sagte: Ich mache noch einen Kampf.

Nach dem Kampf gegen Benjamin Blindert kam die Frage: Soll ich noch mal boxen oder nicht? Ich wollte mich nicht einfach nur über Social Media verabschieden. Ich wollte noch mal einen Kampf machen, noch mal eine Vorbereitung durchziehen, noch mal Wettkampfgefühl haben. Meine Frau sagte nur: Okay, alles klar, das eine Ding machen wir noch. Wenn es gut ist, dann ist es aber auch gut. Und ja: Es ist wirklich der letzte Kampf. Egal, welches Angebot morgen kommt. Ich beschäftige mich damit nicht.

Der Kampf gegen Oscar de la Hoya hat dich international bekannt gemacht, obwohl du verloren hast. Können Niederlagen manchmal mehr für eine Karriere bedeuten als Siege?

Das muss jeder für sich selbst bewerten. Jeder verarbeitet eine Niederlage anders. Bei mir war es in dem Sinne keine Niederlage. Für mich war der Kampf so oder so ein Erfolg. Ich habe gezeigt, aus welchem Holz ich geschnitzt bin, welche Qualität ich habe und dass ich schon in sehr jungen Jahren an der Weltspitze mithalten konnte. Ich habe über viele Jahre mitbestimmt, was im Mittelgewicht passiert und was nicht. Dieser Kampf ist ein gutes Beispiel: Ich profitierte extrem davon, weil man 22 Jahre später immer noch darüber spricht.

Natürlich gibt es Niederlagen, die schwer sind. Es gibt Niederlagen, die nicht einfach wegzustecken sind. Aber Kampfsport hebt sich für mich von allen anderen Sportarten ab. Wenn du da keinen harten Kern hast, wenn du nicht robust bist und so etwas nicht verarbeiten kannst, bist du im falschen Sport.

Austeilen ist einfach. Einstecken ist das Thema, das viele nicht gerne machen. Niederlagen gehören dazu. Man lernt aus jeder Niederlage, aus jedem Sparring, aus jeder Trainingseinheit. Manchmal hat man einen schlechten Tag. Manchmal boxt der Gegner ganz anders als erwartet. Manchmal verliert man komplett den Faden. Manchmal läuft alles wunderbar, und dann kriegst du einen harten Schlag aufs Brett.

Im Sport kann alles passieren. Ich habe alles miterlebt. Deswegen brauchst du einen starken Charakter. Einmal kurz schütteln, ein, zwei Tage Luft holen, dann analysieren und weitermarschieren. Wenn dich so ein Thema zerbricht, wenn du dich daran zu lange aufreibst, wird es schwierig, wieder nach vorne zu kommen. Aber die, die nicht aufgeben, werden irgendwann erfolgreich sein.

Apropos Erfolg, du warst fünfmal Weltmeister. Welcher Titelgewinn bedeutet dir am meisten?

Der erste Titelgewinn ist natürlich speziell. Das war damals wie im Film. Ich hatte drei Wochen Training, dann in der letzten Woche Gewicht gemacht. Am Montag vor dem Kampf hieß es: Bert Schenk ist verletzt, du kannst um die WM boxen. Dann Arzt, Formalitäten, alles ging schnell. Auf einmal bist du Weltmeister, stehst in der Zeitung, wirst auf der Straße angesprochen. Das war schon besonders.

Aber ein ganz besonderer Moment war für mich der Titelgewinn gegen Darren Barker, als ich zum vierten Mal Weltmeister wurde. Die Stimmung war wahnsinnig, sehr aufgeheizt. Viele sagten vorher, das wird ein ganz schwieriges Ding. Barker war ein starker Mann, er hatte Daniel Geale geschlagen. Viele wissen gar nicht, dass ich gegen Geale mit schwerer Bronchitis geboxt hatte. Vor Barker hieß es: Das ist Sturms letzte Chance, eigentlich fast unmöglich, dass er noch mal Weltmeister wird.

Ich machte mir keinen Kopf. Zehn Tage vor dem Kampf hatte ich noch einen Cut am Auge. Da gab es Turbulenzen. Ich musste zum Arzt, wurde genäht, jeden Tag kam Creme drauf, das Training lief weiter und wir mussten es verheimlichen, damit niemand den Cut mitbekommt. Dann Gewicht machen, Wiegen, Kampf.

Nach dem Wiegen war ich sehr entspannt. Ich wusste: Das läuft. Unter Druck funktioniere ich sehr gut. Wenn solche Fights kamen, funktionierte ich immer. Ich kämpfe gerne unter Druck, weil ich mit Druck umgehen kann. Mein Umfeld ist dann eher nervös, was ich auch verstehe. Aber ich selbst mache mir da keinen Kopf. Ich bin von mir überzeugt. Ich trainiere nicht, um mir Gedanken zu machen. Ich trainiere, um Champion zu sein, um Champion zu werden, um zu gewinnen. Deswegen war dieser Titel für mich ein großes Thema.

Kann man so ein Mindset lernen?

Jeder kann an sich arbeiten. Je mehr Erfolg du hast, desto stärker wirst du mental. Und wenn Rückschläge kommen, dann muss man sich bewusst machen: Muhammad Ali hat verloren, Mike Tyson hat verloren, die größten Sportler der Welt haben verloren.

Heute wird auf Social Media geredet, auf TikTok werden Memes erstellt. Aber ganz ehrlich: Ist doch scheißegal. Ich habe das alles hinter mir. Leute haben geredet, ich habe verloren, dann kam ich zurück und wurde wieder gefeiert. So ist die Menschheit. Heute feiern sie dich, morgen treten sie auf dich drauf, übermorgen bist du wieder der Größte und Beste der Welt. Damit muss man sich arrangieren. Wichtig ist: Wer ist in deinem inneren Kreis? Wer ist außerhalb? Wen lässt du rein? Kannst du dem vertrauen? Ist der wirklich für dich da? Die, die nicht unglücklich sind wegen deinem Erfolg, das sind deine Freunde.

Teil drei des Interviews findet ihr in den kommenden Tagen auf box-sport.de!

Interview von Robin Josten

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