Bevor ich loslege: Ich freue mich sehr, dass du hier bist, um meine Kolumne zu lesen. Es wird chaotisch, lustig, aber hauptsächlich 100 Prozent echt. Ich werde von vielen Anekdoten und Erfahrungen aus dem Boxen berichten, aber dir auch spannende Insights in meinen alltäglichen Wahnsinn geben. Und jetzt heißt es: Ring frei!

Seit dem 6. August bin ich endlich zurück in Florida. Nach einem Jahr Wartezeit auf mein neues Visum habe ich mich umso mehr darauf gefreut, wieder in meinen gewohnten Camp-Alltag einzusteigen. Doch wie so oft lief der Start alles andere als nach Plan. Chaos.
Denn aktuell ist alles in einem Umbruch. Unser Gym wird seit letztem Jahr dauerhaft renoviert. An jeder Ecke wird oder wurde bereits gebaut, erweitert oder umstrukturiert. Und das hält meinen Trainer und Manager zusätzlich zu seinen privaten und weiteren beruflichen Verpflichtungen ordentlich auf Trab. Die Trainingszeiten variieren momentan stark – von dem festen „Alltag“, den ich aus dem Camp eigentlich gewohnt bin, ist aktuell nur wenig übrig. Die Jungs aus unserem Team haben sich mit der neuen Situation inzwischen arrangiert, aber sie leben halt auch hier.
Als ich an meinem ersten Morgen zurück ins Gym kam, begrüßte mich mein Schweizer Teamkollege nur mit den Worten: „Es ist nicht mehr so wie früher.“ Treffender hätte man meinen ersten Eindruck kaum zusammenfassen können. Was er damit meint? Wir waren mal ein großes Team von 6 bis 8 Athleten auf Leistungsniveau. Von ambitionierten Amateuren bis zu uns Profis. Wir haben alle gemeinsam jeden Morgen um 10 Uhr als Team trainiert, uns gegenseitig an unsere Grenzen gepusht. Aktuell sieht das leider anders aus.
Treffen, wenn es passt
Nachdem das Gym von unserem Manager übernommen wurde, hat sich auch der Trainingsplan geändert. Die Amateure und Profis trainieren jetzt zu unterschiedlichen Zeiten. Wir Profis haben aktuell keine festen Zeiten, sondern treffen uns dann, wenn es passt. Als Deutsche ist es ganz schwer zu ertragen, keinen festen Plan zu haben, aber so ist es leider manchmal, wenn man zwischen zwei Ländern pendelt.
Am besten kann man Dinge erst klären, wenn man vor Ort ist. John David Jackson war mein erster Trainer in den USA und ist immer noch ein fester Bestandteil meines Teams. Allerdings habe ich 2024 noch einen weiteren Coach mit ins Team geholt, um von beiden so viel wie möglich zu profitieren. Nun bin ich hier und beide sind zeitlich sehr eingespannt.
Natürlich wusste ich das schon vor der Anreise. Trotzdem ist es etwas anderes, sich darauf einzustellen, als tatsächlich hier zu sein und zu merken, dass der Trainingsalltag, auf den man sich ein Jahr lang gefreut hat, erst einmal ganz anders aussieht als erwartet. Gerade nach der langen Zeit, in der ich aufgrund meines Visums nicht zurückkommen konnte, hatte ich im Kopf vermutlich schon ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie meine ersten Wochen hier ablaufen würden. Die Realität hat diese Planung dann ziemlich schnell über den Haufen geworfen.
MVP-Show statt Training
Neben dem ohnehin schon chaotischen Trainingsstart kam am Mittag meines ersten Tages direkt die nächste Überraschung: Mein Manager teilte mir ganz beiläufig mit, dass wir am nächsten Morgen um sieben Uhr nach Orlando fahren würden, da wir zur MVP-Show eingeladen wurden. Praktisch war, dass ich meinen Koffer noch gar nicht ausgepackt hatte.
Die Veranstaltung selbst war wirklich hochwertig organisiert und bereitete großen Spaß. Auf den Hauptkampf hatte ich mich besonders gefreut, da ich schon lange auf das Match-up zwischen Dina Thorslund und Cherneka Johnson gewartet hatte. Solche Abende sind für mich immer etwas Besonderes. Auch wenn ich selbst nicht im Ring stehe, beobachte ich Kämpfe und nehme daraus gerne Dinge für meine eigenen Kämpfe mit.
So chaotisch meine ersten Tage in Florida also begonnen haben, langweilig waren sie definitiv nicht. Eigentlich wollte ich einfach nur wieder in meinen gewohnten Camp-Alltag zurückkehren, stattdessen ging es nach kaum 24 Stunden schon weiter nach Orlando.
Vielleicht ist genau das momentan mein neuer Alltag: weniger planbar, spontaner und ein bisschen chaotischer als früher. Am Ende zählt für mich aber vor allem eines: Ich bin wieder hier, kann trainieren und bin zurück bei meinem Team. Und nach einem Jahr Wartezeit fühlt sich selbst dieses Chaos ziemlich gut an.
Sarah Liegmann
Sarah Liegmann wurde am 26. Januar 2002 in Bonn geboren. Die Federgewichtlerin boxt seit 2021 als Profi, trainiert und lebt in Deutschland und in den USA. Liegmann alias „The Princess“ ist amtierende WBC-Junioren-Championesse. Zudem sicherte sich die frühere Kickboxerin den WM-Gürtel des Verbandes WBF.
Webseite: princess-boxing.de
Instagram: sarahliegmann
Facebook: sarah.liegmann