Sarah Liegmann – aus der Ringecke: Meilenstein!

Bevor ich loslege: Ich freue mich sehr, dass du hier bist, um meine Kolumne zu lesen. Es wird chaotisch, lustig, aber hauptsächlich 100 Prozent echt. Ich werde von vielen Anekdoten und Erfahrungen aus dem Boxen berichten, aber dir auch spannende Insights in meinen alltäglichen Wahnsinn geben. Und jetzt heißt es: Ring frei!

Am Freitagabend fand im Madison Square Garden in New York der erste reine Frauen-Kampfabend in der Geschichte statt. Die Zuschauer in der Arena und alle Box-Fans weltweit bekamen ordentlich Spektakel geboten – ein Meilenstein für das Frauenboxen. (Foto: imago-images / ZUMA Press Wire)

Am 11. Juli schrieb der Boxsport Geschichte: Mit der dritten Auflage von „Katie Taylor vs. Amanda Serrano” präsentierte Netflix eine reine Frauen-Boxveranstaltung als globalen Livestream – und das ohne Pay-per-View. Damit macht der Streaming-Anbieter anderen Anbietern wie DAZN große Konkurrenz.

Es ist ein Meilenstein – sportlich, medial und symbolisch. Auch Chantelle Cameron, die einzige Boxerin, die es geschafft hat, Katie Taylor in einem Profikampf zu besiegen, stand auf der Karte. Doch statt sich mental vorzubereiten und an der Fight Week, den Interviews und dem Open Media Workout teilzunehmen, musste sie bis zuletzt einen ganz anderen Gegner bezwingen: die US-amerikanische Bürokratie.

Glück im Unglück

Erst am Mittwochnachmittag, zwei Tage vor der Veranstaltung, erhielt Cameron ihr P1-Visum, das spezielle Arbeitsvisum für internationale Athleten. Erst dann konnte sie den Flieger nach New York nehmen. Die große Frage ist natürlich: Wie kann so etwas passieren? Der Kampf steht schließlich nicht erst seit vier Wochen fest. MVP hatte genug Zeit, sich darum zu kümmern, und es ist nicht ihr erster Kampf in den USA. Vielleicht wurde einfach zu spät bemerkt, dass der Pass und somit auch das Visum nicht mehr gültig waren. Was genau das Problem war, werden wir nicht erfahren. Das Wichtigste ist: Der Pass mit dem Visum ist noch rechtzeitig vor dem Kampf angekommen und der Kampf auf der historischen Fight Card musste nicht abgesagt werden. Glück im Unglück.

Dennoch ist es eine enorme mentale Belastung, auch für eine so erfahrene Boxerin. Hinzu kommt, dass sie einen extremen Nachteil durch die Zeitumstellung in Kauf nehmen musste. Während alle anderen Athletinnen der Fight Card spätestens seit Montag im BIg Apple waren und sich, falls sie aus einer anderen Zeitzone kamen, mit der Zeit in New York arrangieren konnten, blieb ihr dafür weniger als 48 Stunden. Das ist auch ein extremer Nachteil beim Gewichtmachen, da der komplette Hormonhaushalt durcheinandergebracht wird.

Meilenstein im Frauen-Sport

Promoter nutzen diese Tricks häufig bei eingeflogenen Gegnern, damit diese ausgelaugt sind, wenn sie im Ring stehen, wodurch der eigene Schützling einen Vorteil erlangt. Für Cameron muss es enormen Stress gewesen sein. Dennoch teilte sie am Donnerstagmorgen um 8 Uhr nach New Yorker Zeit auf Instagram mit, ihr Kampfgewicht erreicht zu haben und mehr als bereit zu sein.

Ich habe mir für diese Sensation die Nacht um die Ohren schlagen. Es ist ein großes Zeichen, nicht nur für den Boxsport, sondern für den Frauensport auf der ganzen Welt. Netflix und MVP haben ein großes Ausrufezeichen hinter „Girl Power“ gesetzt.

Sarah Liegmann

Sarah Liegmann wurde am 26. Januar 2002 in Bonn geboren. Die Federgewichtlerin boxt seit 2021 als Profi, trainiert und lebt in Deutschland und in den USA. Liegmann alias „The Princess“ ist amtierende WBC-Junioren-Championesse. Zudem sicherte sich die frühere Kickboxerin den WM-Gürtel des Verbandes WBF.

Webseite: princess-boxing.de
Instagram: sarahliegmann
Facebook: sarah.liegmann