Bevor ich loslege: Ich freue mich sehr, dass du hier bist, um meine Kolumne zu lesen. Es wird chaotisch, lustig, aber hauptsächlich 100 Prozent echt. Ich werde von vielen Anekdoten und Erfahrungen aus dem Boxen berichten, aber dir auch spannende Insights in meinen alltäglichen Wahnsinn geben. Und jetzt heißt es: Ring frei!

Manchmal ist mein Ehrgeiz so groß, dass mein Verstand nur mit dem Kopf schütteln kann. Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder einen Kampf anzunehmen, der in der Klausurenphase liegt. Nachdem ich aber nach meinem Fight im April 2025 erst verletzungs- und dann krankheitsbedingt gleich zwei Kämpfe absagen musste, war es mir sehr wichtig, 2026 direkt wieder aktiv zu starten, als eine Art Vorbereitung für einen größeren Fight im April. Gerade nachdem ich im vergangenen Jahr meinen deutschen Trainer gewechselt habe, hielt ich es für wichtig, dass er und das amerikanische Team sich persönlich kennenlernen und das erste Mal gemeinsam in der Ecke arbeiten.
Der zunächst für Dezember geplante Kampf stand nun für den 6. Februar an. Eigentlich perfekt, wenn es da nicht immer Terminprobleme mit der Uni gäbe. Stress vorprogrammiert. Eine mündliche Prüfung vor dem Fight und eine schriftliche danach. So hieß es also: Training, Uni, Lernen, Training und wieder Lernen. Zusätzlich kam in den letzten zwei bis drei Wochen der Weight-Cut dazu, was die Stimmung nicht gerade verbesserte. Gerade in einer Vorbereitung sollte man den Kopf so frei wie möglich haben – und dennoch merke ich jedes Mal, dass ich dieses Chaos auf eine gewisse Art und Weise für mich brauche. Wie sagt man so schön? It keeps me going. Es gibt mir keine Sekunde Zeit, auch nur mal darüber nachzudenken, faul zu sein, sondern sorgt für Struktur.
Lernen ohne Schokolade
Also ging es Mittwoch früh nach der mündlichen Prüfung direkt nach Frankfurt zum Flughafen Richtung Madrid. Hatte ich schon erwähnt, wie nervig es war, während der Prüfungsphase keine Schokolade essen zu dürfen?
Der nächste Tag startete mit einer lockeren Einheit im Hotel-Gym. Am Nachmittag ging es dann endlich zum offiziellen Wiegen. Das Gewicht passte bei allen, also ging ich mit meinem Team in ein nahegelegenes Restaurant, das die Amerikaner schon an den Tagen zuvor besucht hatten. Wenn es eine Sache gibt, die mich auf die Palme bringt, dann ist es, nach der Waage nicht das essen zu können, wonach ich mich richtig gesehnt habe. So kam es aber. Keine Karte. Nur die Frage: „Nudeln mit Hähnchen oder mit Rind?“ Ich entschied mich für Nudeln mit Hähnchen. Als ich dann eine Bolognese vorgesetzt bekam, nahm ich es einfach so hin und haute hungrig rein. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Bolognese nur die Vorspeise war – und sich die Frage nach Rind oder Hähnchen auf die Hauptspeise bezog. Die Nudeln waren für mich nach dem Weight-Cut schon die Hauptspeise, die ich mir für die eigentliche Hauptspeise gerne gespart hätte.
Cut und Konditionseinbußen
Gut gestärkt ging es danach zurück ins Hotel – und bereit, weiter zu lernen. Auch am nächsten Tag lernte ich relativ viel, bis wir in die Halle mussten. Dort angekommen, war es eiskalt. So kalt, dass es ehrlicherweise nötig gewesen wäre, den Kämpfern Heizpilze in die Kabinen zu stellen. Also haben wir uns einfach in unseren Winterjacken gewärmt.
Im Ring konnte ich den ganzen Stress rauslassen und genau das abrufen, auf das wir hingearbeitet haben. Ehrlich gesagt wurde die Kondition nach hinten heraus etwas dünn, was ich aber selbst schuld war, da ich aufgrund der Uni deutlich weniger Konditionseinheiten durchführen konnte als sonst. Meinen ersten Cut zog ich mir in der dritten Runde zu. Wegen eines Kopfstoßes wurde mein Ohr eingeklemmt und die Haut riss ein, sodass mein Knorpel die restliche Zeit des Kampfes frei lag. Es gibt Schöneres, aber ich habe es nach gefühlt einem Liter Blutverlust überlebt. Ausgerechnet bei diesem Kampf trug ich ein weißes Outfit.
Sarah Liegmann
Sarah Liegmann wurde am 26. Januar 2002 in Bonn geboren. Die Federgewichtlerin boxt seit 2021 als Profi, trainiert und lebt in Deutschland und in den USA. Liegmann alias „The Princess“ ist amtierende WBC-Junioren-Championesse. Zudem sicherte sich die frühere Kickboxerin den WM-Gürtel des Verbandes WBF.
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