Ohne Sponsoren, ohne Sicherheitsnetz, mit ADHS – und trotzdem Box-Weltmeisterin. Der ungewöhnliche Weg von Sarah Scheurich, ihr Durchbruch gegen alle Widerstände und die Entscheidung, die ihre Karriere jetzt prägen wird.

Oft kündigt sich Erfolg lautstark an. Bei Sarah Scheurich kam er leise. Schritt für Schritt, gegen Widerstände, an denen andere Karrieren früh zerbrechen. Ihr Weg ist keine strahlende Siegergeschichte, sondern das Ergebnis von Umwegen, Zweifeln und Entscheidungen. Getragen wurde ihr Weg von der Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Schon im Amateurboxen gehörte Sarah zur nationalen Spitze. Mehrfache deutsche Meistertitel und der Gewinn der Vize-Europameisterschaft belegten früh ihr sportliches Niveau. Sie trainierte bei Michael Timm und Valentin Silaghi, lernte Technik, Disziplin und Wettkampfhärte. Doch Erfolge im Amateurbereich sind kein Versprechen für eine komfortable Profikarriere, schon gar nicht im Frauenboxen.
Scheurich: Stark und unangenehm
Anfangs brachte der Wechsel ins Profilager Unsicherheit. Es mangelte an den Strukturen, der Planung und den verlässlichen Perspektiven, die sie aus dem Amateursport kannte. Sarah boxte, wer sich gegen sie traute. Oft im Rahmenprogramm anderer Veranstaltungen, häufig kurzfristig und selten unter idealen Bedingungen. Titelkämpfe waren kein Thema. Nicht aus mangelndem Ehrgeiz, sondern weil sich kaum Gegnerinnen fanden. Sarah galt als zu stark und zu unbequem. Wer setzt schon gegen einen „Niemand“ seinen Titel freiwillig aufs Spiel?
Was nach außen wie Stillstand wirkte, war für sie eine Phase des Durchhaltens. Sarah organisierte ihr Training, Alltag und Finanzierung selbst, arbeitete neben dem Sport und investierte ihre Ersparnisse in eine Zukunft als Profiboxerin ohne Sicherheitsnetz. Begleitet wurde ihr Weg seit ihrer Kindheit von einer Diagnose, die vieles erklärte und manches erschwerte: ADHS. „Mein Kopf ist oft schneller als alles andere und ich habe Schwierigkeiten, mich zu fokussieren“, sagt sie. „Das kann chaotisch sein, aber ich habe gelernt, damit umzugehen.“
Sarahs Profikarriere wäre wie viele andere spurlos versickert. Doch sie hatte das Glück der Tüchtigen. Der Wendepunkt kam nicht durch einen großen Vertrag, sondern durch Aufmerksamkeit. Ein Freund schwärmte Rainer Gottwald von Sarah vor. Gottwald, Spitzname „The Brain“, ist erfahrener Boxmanager und Gewinner der 10. Staffel der RTL Reality-Show Promi Big Brother. Er erkannte sofort, dass hier mehr war als reines Talent. „Sarah ist keine Athletin, die man in ein Schema presst“, sagt er. „Sie bringt etwas mit, das man nicht trainieren kann: Ehrlichkeit, Belastbarkeit und diesen unbedingten Willen.“
The Brain Gottwald sprach mit seinem ehemaligen Schützling Piergiulio Ruhe über Sarah. Ruhe ist amtierender IBO- und IBF-Europameister sowie WBA-Gold-Champion. Neben seiner aktiven Karriere arbeitet er als Promoter und betreibt eines der modernsten Boxgyms Deutschlands. Sarahs Karriere bekam erstmals eine klare Richtung.
Die Nacht der Entscheidung
Eine Nacht vor „Babyface“ Sarah Bormanns WM-Kampf am 18. Oktober in Hamburg einigten sich Gottwald und Ruhe mit dem Management der Neuseeländerin Lani Daniels auf einen Weltmeisterschaftskampf. Daniels war für Sarah der berühmte große Brocken: Physisch enorm stark, robust, international erfahren und für ihr hohes Tempo bekannt. Noch in derselben Nacht riefen sie Sarah an: „Sarah es ist so weit.“
Am 6. Dezember in Göppingen gewann Sarah Scheurich das Boxspektakel gegen Daniels nach Punkten. Ruhig, kontrolliert, ohne Hektik. Alle Punktrichter hatten sie auf ihren Wertungszetteln vorn (97:93, 97:93, 98:92). Sarah Scheurich ist vermutlich die einzige IBF-Weltmeisterin ohne Sponsoren und spricht offen über die Krankheit, die seit Kindertagen begleitet: „Seht her! Ich habe es trotz ADHS geschafft. Und was ich kann, könnt ihr auch.“
Als Weltmeisterin steht sie an einer Weggabelung. Entweder sie bleibt im Halbschwergewicht und strebt die Vereinigung aller Titel an oder sie wagt den Schritt ins Schwergewicht und fordert Claressa Shields heraus. Das wäre sportlich riskant, aber international von großer Strahlkraft. Die Entscheidung will sie zeitnah und gemeinsam mit Piergiulio Ruhe und Rainer Gottwald treffen.
Sarah Scheurich will noch mindestens drei Jahre boxen. Danach soll Raum für Familie entstehen. Bis dahin möchte sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Ruhig, konzentriert und entschlossen. Für Partner und Sponsoren ist dies ein seltener Moment: nicht der Einstieg in eine Hoffnung, sondern in belegte Leistung. In eine Athletin, die Disziplin, Belastbarkeit und Glaubwürdigkeit verkörpert und deren Geschichte weit über den Ring hinauswirkt, besonders für junge Menschen, die mit ADHS leben und sehen wollen, dass Erfolg nicht von perfekten Voraussetzungen abhängt.
Manche Karrieren brauchen keinen lauten Start, sondern Menschen, die den richtigen Moment erkennen. Dieser Moment ist jetzt. Sarah Scheurich ist keine Idee. Sie ist Realität. Und ihre Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.
Text von Wolfgang Wycisk