Weltmeister Agit Kabayel: „Alles war unterschriftsreif“ | BOXSPORT

Weltmeister Agit Kabayel: „Alles war unterschriftsreif“

Als neuer WBC-Champion rückt Agit Kabayel noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. In einem Interview mit DAZN gibt der Ring-Held tiefe Einblicke in seine Boxer-Seele, spricht über einen möglichen Kampf gegen Tyson Fury und verrät, wie er vom Titelgewinn erfuhr. Teil 2 des Interviews:

Unnachgiebig: Den Kampf gegen Oleksandr Usyk bekam Agit Kabayel am Ende nicht – dafür aber dessen Weltmeister-Gürtel des Verbandes WBC. (Foto: DAZN)

Agit Kabayel steht nun an der Spitze im Schwergewicht. Aber wie hat er den langen Weg dorthin erlebt? Wie denkt er über Kritik und einen möglichen Kampf gegen Tyson Fury? Darüber und über vieles mehr sprach Deutschlands Schwergewichts-Star mit dem Sportstreamingdienst DAZN. Hier Teil 2 des Interviews. Agit Kabayel über …

… die sportliche Bedeutung, Weltmeister zu sein:

Viele schaffen es vielleicht unter die Top 5 oder Top 6 der Welt, machen ein oder zwei gute Kämpfe – und dann war’s das. Weltmeister im Schwergewicht zu sein und dann auch noch WBC-Weltmeister, das schaffen die wenigsten.

Deshalb sage ich: Man hat jetzt einfach gezeigt, dass wirklich alles möglich ist. Wenn man an sich selbst glaubt, egal wie viele Steine einem in den Weg gelegt werden, und wenn man ein vernünftiges Team um sich herumhat, dann kann man wirklich alles schaffen. Alles ist möglich.

… sein Vermächtnis:

Ich weiß nicht, was die Menschen später einmal über mich sagen werden. Das müssen sie selbst entscheiden. Ich hoffe einfach, dass diese Underdog-Story den meisten im Kopf bleibt. Dass sie nie vergessen, dass im Leben alles möglich ist, wenn man an sich glaubt und gute Menschen um sich herumhat.

Wenn wir das Ganze mal von allen Seiten betrachten: Ich war nie derjenige, der den größten Geldgeber an seiner Seite hatte oder dem die großen Kämpfe einfach ermöglicht wurden. Ich musste mir wirklich alles immer wieder aufs Neue erkämpfen. Jedes einzelne Mal.

Dann war so viel Trubel um mich herum. Es gab Phasen, in denen es bergauf ging, und dann wieder Zeiten, in denen es bergab ging. Deshalb wünsche ich mir, dass die Leute sagen: „Im Leben ist alles möglich, wenn man fest daran glaubt und bereit ist, alles dafür zu geben.“ Darüber sollen sie reden.

seine Rolle als Vorbild:

Deshalb sage ich auch: Ich möchte ein gutes Vorbild sein. Am Ende des Tages bin ich Papa, ich habe selbst eine Tochter. Man möchte ein gutes Vorbild sein – für die Jugend und für alle Menschen, die zu einem aufschauen.

Ich glaube, genau das zählt. In letzter Zeit wurde beim Boxen immer alles mit Business verglichen. Es ging ständig um Geld: Wer bekommt wie viel? Usyk macht es nicht, weil er dieses Geld nicht bekommt. Wer hat was verdient? Für mich reicht es aber schon, wenn die Leute später über mich sagen: „Er war ein gutes Vorbild.“ Scheiß auf das Geld, scheiß auf alles. Das kommt und geht. Aber das, was du hinterlässt, bleibt.

Wenn die Menschen irgendwann sagen: „Er war ein guter Junge. Er hat den Leuten etwas mitgegeben. Er hat ihnen einen Mehrwert gegeben. Er hat ihnen gezeigt, wie sie aus ihrer Situation etwas machen können“, dann ist das für mich der größte Mehrwert, den ich den Menschen mitgeben kann.

über Kritiker und den WM-Gewinn „auf dem Sofa“:

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich weiß, dass viele Menschen darüber diskutieren und gerne Kommentare dazu abgeben. Die Jungs, die hier mit mir sind, haben mir ein paar Kommentare gezeigt. Da habe ich auch gedacht: Verrückt, was manche Leute einfach schreiben. Aber es ist, wie es ist. Wenn du erfolgreich bist, ziehst du automatisch Kritiker an. Das gehört dazu. Wenn die Kritik kommt, weißt du meistens auch, dass es gerade gut läuft.

Ich habe wirklich alles dafür getan, dass dieser Kampf (Anm. der Red.: der Kampf gegen Usyk) zustande kommt. Ich war in Ägypten. Ich habe dort, glaube ich, drei richtig gute Videos gedreht, die in dieser Zeit so schnell niemand vergessen wird. Ich habe die Horses (in Anspielung auf seine Promo-Videos auf Instagram) maximal gepusht. Ich denke, ich habe wirklich alles getan, um diesen Kampf zu bekommen. Usyk wollte nicht. Es lag nicht an mir.

Und am Ende des Tages – worüber reden wir eigentlich? Ich habe 27-mal im Ring performt. Wenn ich jetzt einmal vom Interim-Champion zum vollwertigen Weltmeister ernannt werde, diskutiert plötzlich jeder darüber. Ich glaube, es gibt wichtigere Dinge, über die man reden kann. Für mich geht es jetzt sowieso in die Titelverteidigung. Und dort werde ich noch einmal zeigen, dass ich nicht zu Unrecht dort stehe.

Natürlich wäre es geil gewesen. Wirklich geil. Warum? Weil ich damit wahrscheinlich auch den letzten Kritiker überzeugt hätte. Einfach zu zeigen: Schau mal, die Welt funktioniert nicht immer so, wie du sie dir im Kopf ausmalst. Es gibt Menschen, die über den Tellerrand hinausblicken. Menschen, die mit ihrem Mindset Berge versetzen können. Und die das auch mit dem Herzen tun. Ich sage ja immer: Von Kampf zu Kampf wirst du ein anderer Boxer. Deshalb wäre es schön gewesen, den Champion selbst in den Ruhestand zu schicken und zu sagen: „Jetzt ist meine Zeit.“

Aber am Ende des Tages hat der liebe Gott anders entschieden. Wir haben alles dafür getan. Sogar die finanziellen Voraussetzungen waren da. Viele reden immer noch darüber, aber das Geld war da. Es lag alles auf dem Tisch. Alles war unterschriftsreif. Usyk hätte nur noch unterschreiben müssen, dann wäre der Kampf zustande gekommen.

Ich kann diese Situation nicht mehr ändern. Für mich geht es jetzt weiter – auf zur nächsten Herausforderung. Und ich habe immer gesagt: Ich habe nie ein persönliches Problem mit irgendeinem Boxer. Für mich geht es ausschließlich um den sportlichen Wettkampf.

den möglichen Gegner für die Titelverteidigung:

Für mich ist das egal. Ich habe oft genug gesagt: Ich kämpfe gegen jeden. Ich laufe vor keinem Kampf davon. Als Tyson Fury mich herausgefordert hat, habe ich Spencer direkt signalisiert: Wenn es sportlich bleibt und nicht unter die Gürtellinie geht, dann können wir das machen. Er meinte sofort: „Ja.“ Und am nächsten Tag hat er wieder gegen mich gepostet. Da dachte ich mir: Okay, dann ist es eben so. Ich schließe einen Kampf jedenfalls nicht aus. Früher habe ich immer gesagt, von meiner Seite wird das nicht kommen. Aber wenn er es wirklich will – let’s go.

Jetzt genieße ich erstmal die paar Tage hier, schalte ab und komme dann nach Hause. Wenn ich zurück bin, kann man sich Gedanken über die nächsten Schritte machen.

die nächsten Schritte nach seiner Rückkehr:

Erstmal zurückkommen, mit Queensberry sprechen, dann mit Spencer alles noch einmal durchgehen, danach mit meinem Team in Deutschland zusammensitzen und schauen, was als Nächstes kommt.

Ich bin bereit für jede Aufgabe. Ich denke, so Mitte bis Ende Oktober könnte man etwas auf die Beine stellen. Das ist zumindest mein Gefühl. Ich hoffe, dass wir mit dem riesigen Support, den wir aktuell bekommen, die erste Titelverteidigung in einem Stadion austragen können. Das Düsseldorfer Stadion – das wäre das Ziel.

(Ende)

Hier geht’s zu Teil 1 des Interviews mit Agit Kabayel.

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