Weltmeister Agit Kabayel: „Geh an dein Handy!“ | BOXSPORT

Weltmeister Agit Kabayel: „Geh an dein Handy!“

Als neuer WBC-Champion rückt Agit Kabayel noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. In einem Interview mit DAZN gibt der Ring-Held tiefe Einblicke in seine Boxer-Seele, spricht über einen möglichen Kampf gegen Tyson Fury und verrät, wie er vom Titelgewinn erfuhr. Hier Teil 1 des Interviews.

Schwergewichts-Weltmeister Agit Kabayel nahm sich Zeit für ein ausführliches Interview mit dem Sportstreamingdienst DAZN (Foto: DAZN)

Agit Kabayel steht nun an der Spitze im Schwergewicht. Aber wie hat er den langen Weg dorthin erlebt? Wie denkt er über Kritik und einen möglichen Kampf gegen Tyson Fury? Darüber und über vieles mehr sprach Deutschlands Schwergewichts-Star mit dem Streamingdienst DAZN. Hier Teil 1 des Interviews. Agit Kabayel über …

den Weltmeistertitel im Schwergewicht:

Ich glaube, es ist eher die Vorfreude, Weltmeister im Schwergewicht zu sein. Da ist so eine Last von mir abgefallen, weil ich dachte: Jetzt bist du endlich der Gejagte. Endlich wollen die Leute etwas von dir. Du musst nicht mehr an jede Tür klopfen und hundertmal fragen: „Ey, lass uns doch kämpfen.“ Jetzt weißt du, die Kämpfe kommen zustande, und jetzt kannst du dich ein bisschen zurücklehnen. Also zurücklehnen in dem Sinne, dass du sagst: „Ich will kämpfen, aber gegen wen?“ Deswegen bin ich einfach froh.

… den Moment, als er vom Titel erfuhr:

Das Wetter ist überragend. Jetzt einfach ein paar Tage im Urlaub abschalten. Das war das Ziel bzw. eigentlich warum ich nach Spanien gekommen bin. Ich bin nach Spanien geflogen, um die Situation mit der WBC abzuwarten. Ich dachte mir, die WBC wird sich bis zum 1. Juni bestimmt Zeit lassen, weil Usyk ja eigentlich bis zum 30. Juni Zeit hatte. Ich dachte vielleicht, sie stellen den Titel vakant oder was auch immer. Man weiß ja nie.

Dann habe ich im Flieger, als ich auf Mallorca gelandet bin, erfahren: „Glückwunsch, Sie sind der neue WBC-Weltmeister im Schwergewicht.“ Erstmal hat mich mein Manager angerufen. Danach saßen wir gemeinsam mit der WBC, mit dem Präsidenten der WBC, Maurizio Suleiman, den Anwälten – insgesamt sieben oder acht Leute – in einem Zoom-Call. Auch Queensberry war mit dabei. Dann wurde ich offiziell zum Weltmeister ernannt. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Ich war noch im Flieger. Spencer – ich weiß gar nicht mehr genau – wir waren schon in der Luft. Ich hatte vergessen, mein Handy auf Flugmodus zu stellen. Kurz vor der Landung bekomme ich die erste Nachricht von Spencer: „Geh an dein Handy, es ist wichtig.“ Ich denke mir: Wir landen doch in fünf Sekunden. Ich nehme mein Handy in die Hand und denke: Was ist passiert? Ist irgendwas passiert? Hat Usyk angerufen oder wollen die doch etwas anderes machen? Ich wusste ja nicht, was los ist. Dann sagt er: „Du bist Weltmeister im Schwergewicht.“ Ich so: „Was? Was hast du gesagt, Spencer?“ Er wieder: „Du bist Weltmeister im Schwergewicht.“ Da war ich komplett durch.

Dann saß mein Freund Matthias neben mir. Ich sage: „Matthias, ich bin Schwergewichtsweltmeister.“ Er sagt: „Was?“ Er hat sich natürlich riesig gefreut. Wir haben uns umarmt. Das war schon… ja, das war schon ein besonderer Moment.

die ersten Momente nach der Bestätigung:

Ich habe mich erstmal beruhigt. Bis es dann offiziell wurde, denn ich habe mittlerweile wirklich alles im Boxgeschäft gesehen. Erst als ich Maurizio persönlich am Hörer hatte und er mir das offiziell verkündet hat, konnte ich sagen: „Bleib erstmal ruhig, Junge.“ Natürlich habe ich dann Matthias und mein Team informiert. Meinen Coach habe ich angerufen. Er hat sich extrem gefreut – endlich. Wir haben ein bisschen miteinander gesprochen. Danach habe ich natürlich meine Eltern angerufen. Die haben sich auch riesig gefreut. Und selbstverständlich meine Frau und die Familie.

Die wichtigsten Anrufe waren damit erstmal erledigt. Ich wusste: Wenn es offiziell wird, müssen die engsten Menschen schon Bescheid wissen, weil gleich dein Handy brennen wird. Als ich dann im Call war, kamen mir wirklich Freudentränen. Ich kann das gar nicht beschreiben. Es war einfach dieser Moment: Jetzt ist es wirklich so weit. Du bist zum Weltmeister ernannt worden. Das war einfach unbeschreiblich.

den langen Weg bis zum Titel:

Gestern saß ich zum Beispiel hier auf der Terrasse, habe den Ausblick genossen und hatte einfach so einen Gänsehautmoment. Ich habe daran gedacht, wie viele Hürden ich in meinem Leben überwinden musste, um heute da anzukommen, wo ich jetzt bin.

Ich habe wirklich Situationen erlebt… Wir reden hier von 16, 17 Jahren Kampfsport. Das war eine Achterbahnfahrt. Egal, wer da eingestiegen wäre, dem wäre schlecht geworden. Das alles einmal Revue passieren zu lassen und sich vor Augen zu führen, welche Hürden du in deiner Karriere überwunden hast – das erfüllt einen natürlich mit Stolz.

Und ich bin bereit, diese Geschichte weiterzuschreiben. Man muss sich im Leben auch neue Ziele setzen. Mein Traum war es immer, Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Warum also nicht irgendwann auch Undisputed Champion werden?

… über den Aufschwung, den er dem deutschen Boxsport gebracht hat:

Ich sage ja: Ich habe so viele Menschen wieder für den Boxsport begeistert. Viele meiner Zuschauer hatten vorher überhaupt keine Berührungspunkte mit dem Boxen. Das ist eben diese Underdog-Story. Das ist schon fast eine Bewegung.

Da ist jemand, der von ganz unten kommt. Jemand, der in seinem Leben mit so vielen Dingen zu kämpfen hatte. Wir sind eine Einwandererfamilie. Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber ich komme aus einer Einwandererfamilie. Diesem Jungen wurden ständig Steine in den Weg gelegt – und jeden einzelnen Stein hat er weggeräumt und ist trotzdem ganz nach oben gekommen.

Ich glaube, genau das hat viele Menschen bewegt. Deshalb sage ich immer „wir“ und nicht „ich“. Wir schreiben gemeinsam unsere Geschichte weiter. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Tinte ist zwar bis zu diesem Zeitpunkt trocken, aber das Buch ist noch lange nicht fertig geschrieben.

seinen Trainer Sükrü Aksu:

Ja, ich habe meinen Trainer natürlich sofort angerufen. Wir konnten noch gar nicht lange sprechen. Ich habe ihm erstmal erzählt, dass ich die Nachricht bekommen habe, Weltmeister zu sein. Er hat sich riesig gefreut. Er hat immer wieder gesagt: „Endlich, endlich.“

Ich glaube, ihm ist ebenfalls ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Wie viele Menschen haben damals nicht an ihn geglaubt? Wie oft sind Leute während meiner Karriere zu mir gekommen und haben gesagt: „Wechsel den Trainer. Mit dem wirst du nicht weit kommen.“

Aber wir haben es geschafft. Wir haben ihn zu einem Weltmeistertrainer gemacht. Er ist jetzt Weltmeistertrainer. Das wird in den Geschichtsbüchern stehen. Das kann ihm niemand mehr nehmen.

Und das ist wichtig. Denn am Ende des Tages stehe zwar ich im Ring, aber er arbeitet außerhalb des Rings jeden Tag und hat mich zu dem Boxer geformt, der ich heute bin. Mehr noch: Er hat mich auch als Mensch geprägt. Er hat in meinem Leben eine Art zweite Vaterrolle übernommen. Alles, was ich im Boxsport gelernt habe, und auch viele Dinge außerhalb des Sports, habe ich ihm zu verdanken. Zu hundert Prozent.

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