Abass Baraou spricht im exklusiven BOXSPORT-Interview über seinen Kampf in Orlando, den langen Weg bis zum WBA-Champ und sein Leben in den USA – Teil 2.

Am 1. März 2024 hast du in England gegen Sam Eggington den vakanten EM-Titel im Halbmittel gewonnen. War das ein Wendepunkt deiner Karriere?
Abass Baraou: Das würde ich so sagen. Wasserman gab mir im letzten Jahr die Möglichkeit, in Telford gegen Sam Eggington zu boxen. Eine schwere Aufgabe, aber wir alle – die Sauerland-Brüder, mein Manager und ich – waren uns sicher, dass ich den Fight gewinnen werde. Der Sieg hat mich dann auch in den Ranglisten weiter nach vorne katapultiert.
Du warst auch schon bei den Amateuren Europameister, und zwar 2017.
Meine Zeit bei den Amateuren war wichtig, ich habe dort wichtige Erfahrungen sammeln können. Ich bin nicht Europameister geworden, sondern habe auch WM-Bronze gewonnen und Erfolge beim Chemiepokal gefeiert. Noch heute blicke ich immer wieder gern zurück und nehme mir vor meinem nächsten Kampf ein, zwei Sachen heraus, die ich bei den Amateuren gelernt habe.
Zurück zu den Profis: Das Halbmittel gilt ja derzeit als eines der spannendsten Limits, mit Champions wie Sebastian Fundora, Bakhram Murtazaliev und Xander Zayas. Was rechnest du dir in der Weltspitze aus?
Mit diesem Titelgewinn habe ich mich der Box-Welt präsentiert. Ich habe das Gefühl, als hätte in den Raum betreten, wo solche Kämpfe auf Top-Level nun möglich sind. Dort möchte ich mich mit den Besten messen und so viele Titel wie möglich gewinnen. Vergil Ortiz Jr. zum Beispiel ist ein toller Kämpfer. Er wäre eine echte Herausforderung, ein Duell gegen ihn würde mich sportlich weiterbringen. Auch gegen Xander Zayas würde ich antreten, ich kenne ihn gut aus dem Sparring. Wir haben immer zueinander gesagt, dass wir uns ganz oben treffen werden. Nun ist er Weltmeister bei der WBO, ich bald bei der WBA. Eine solche Unification wurde ich gern machen, um mir einen weiteren Gürtel zu schnappen.
Es wird jetzt auch über einen möglichen Fight gegen Jermell Charlo gesprochen. Reizvoll?
Jermell Charlo ist ein großer Name. Er hat seit zwei Jahren nicht mehr geboxt, sein letzter Kampf war 2023 gegen Canelo, den er einstimmig nach Punkten verloren hat. Ich würde gegen Charlo sofort in den USA boxen – an Kämpfe im Ausland habe ich mich gewöhnt. Egal, wo ich boxe, ich fühle mich überall im Ring zu Hause.
Würdest du gern einmal in deiner Heimat Oberhausen boxen?
Ja, das ist ein Traum von mir. Ich bin bald Weltmeister, und ein WM-Kampf in Oberhausen würde mein Herz erfüllen.
Du bist in Deutschland geboren, hast aber togolesische Wurzeln. Wie war deine Kindheit?
Ich bin in Aalen bei Stuttgart geboren, dann in Togo aufgewachsen. Mit neun Jahren kam ich zurück nach Deutschland, nach Oberhausen. Meine Mutter und mein Bruder wohnen dort, mein Vater lebt in London. Ich habe auch noch Familie in Tampa in Florida.
Woher kam der Impuls für das Boxen?
Mit dem Boxen fing ich an, als ich 13 Jahre alt war. Ich hatte zuvor schon andere Sportarten ausprobiert, zum Beispiel Fußball und Turnen in der Schule, auch Leichtathletik. Aber das hat mich alles nicht so erfüllt, zumal ich nach dem Training noch nicht ausgepowert war. Ich wohnte damals in Oberhausen neben einem Jugendzentrum, wo ich oft hinging. Als dort Boxen angeboten wurde, sagten die Betreuer zu meinem damaligen Amateurtrainer „Momi“ Guettari: Das wäre genau das Richtige für Abass.
Wie waren deine ersten Erfahrungen?
Zunächst dachte ich, Boxen sei langweilig. Dann aber sagte mein Trainer, ich solle mal ein paar Kombinationen in den Sack hauen. Meine Ausführungen haben ihm so gut gefallen, dass er glaubte, ich würde bereits boxen. Darauf sagte der Coach zu mir, ich solle bei seinem Training vorbeikommen. Momi Guettari wurde dann später auch mein Trainer auf dem Sportinternat in Münster.
Heute pendelst du zwischen Miami, wo du trainierst, und Deutschland. Wieso hast du dich für die USA als Trainingsstandort entschieden?
In den USA treffe ich auf gute Bedingungen. Dort gibt es mehr Sparringspartner, die auf einem internationalen Level agieren, und eine sehr große Box-Community. Nachdem ich eine Zeit lang in London war, hatte ich mich gegen eine Rückkehr nach Deutschland entschieden, weil das Boxen hier weniger populär ist. Und ich dachte mir: Okay, die nächste Reise muss in die USA gehen, wenn ich es wirklich noch mal wissen will. Allerdings ist es eine echte Herausforderung, bei der Hitze, die in Florida herrscht, zu trainieren. Aber diese ganze Schinderei wirkt sich bereits positiv aus, es ist einfach eine schöne Bestätigung.
Du hast Familie in Deutschland, England und den USA. Helfen solche Ankerpunkte in deinem Boxer-Leben?
Ja. Und wenn ich mal keine Familie vor Ort habe, kann ich mich trotzdem gut einleben. Egal, wo ich bin, ich schließe schnell neue Freundschaften. Auch bei meinem letzten Kampf waren eine Menge Leute aus Miami dabei, die mich in Orlando unterstützt haben.
Zuletzt wurdest du in Miami von dem früheren kubanischen Nationalcoach Jorge Rubio trainiert. Welche Schwerpunkte setzt er, für welche Box-Philosophie steht Rubio?
Ich habe mich im Camp von meinem Trainer getrennt. Darauf habe ich mir sozusagen ein eigenes Team zusammengestellt, um mich auf den Kampf gegen Tellez vorzubereiten. Wer künftig in meiner Ecke steht, kann ich noch nicht sagen. Darum werde ich mich in nächster Zeit kümmern, auch Kalle und Nisse werden mich dabei unterstützen.
Interview von Frank Schwantes
Hier geht es zum ersten Teil des Interviews mit Abass Baraou.