Michael Conlan war einst ein Opfer betrügerischer Machenschaften im olympischen Boxen. Am 9. September bestreitet der irische Boxer inzwischen seinen 23. Kampf als Profi – und zieht eine Bilanz.

Der irische Boxprofi Michael Conlan (19-3-0, 9 K.o.) kehrt am 9. September in den Ring zurück. Dann wird der Federgewichtler, der für Bob Arums Promotion „Top Rank“ antritt, in der 3Arena von Dublin gegen Jack Bateson (20-1-1, 6 K.o.) um den vakanten „WBC International“-Gürtel kämpfen.
Conlan, der 2017 Profi wurde, will sich nach einigen Enttäuschungen in den Ranglisten wieder nach oben boxen. Doch dass dies nicht immer so einfach ist, hat er in den letzten Jahren als Preisboxer immer wieder erfahren müssen. Zwei seiner letzten drei Kämpfe verlor der ehemalige Interims-Champ der WBA.
Der berühmteste Mittelfinger des Boxens
Rückblick Olympische Spiele 2016. Beim Boxturnier in Rio de Janeiro gab es unter dem Dach der ehemaligen AIBA (heute IBA) etliche Skandalurteile. Betroffen war davon auch Michael Conlan: Im Bantam-Viertelfinale von Rio wurde er vom Russen Vladimir Nikitin besiegt, zumindest nach Ansicht der Punktrichter. Nach Verkündung des Urteils brachte Conlan seine ganze Enttäuschung zum Ausdruck und hob den Mittelfinger. Ein Bild, das um die Welt ging und Symbolcharakter hatte.
In der Folge nahm das IOC umfangreiche Untersuchungen vor, was schließlich zum Ausschluss der AIBA als Dachverband im olympischen Boxen führte. Ironie der Geschichte: Bei den Profis besiegte Conlan seinen ehemaligen Olympia-Widersacher 2019 in einem Zehnrunder in New York einstimmig nach Punkten.

„Wenn man im System der Amateure kämpft, hat man einen Fight und dann nächste Woche einen“, erklärt Conlan im Gespräch mit „Boxingscene“. „Niederlagen und so weiter spielen keine Rolle. Aber im Profiboxen zählen Menschenleben. Nach einer Niederlage sinken Marktwert und Einkommenspotenzial eines Boxers – und das nächste Preisgeld fällt viel geringer aus.“
Überhaupt würden Preisboxen viel mehr Geld ausgeben als das, was sie tatsächlich verdienen, um sich weiterzuentwickeln. „Man muss für so einiges bezahlen“, sagt der 33-Jährige. „Im Amateurbereich muss man dagegen nicht fürs Sparring bezahlen, auch nicht fürs Hotel oder die Anreise.“ All das sei abgedeckt. Aber im Profiboxen hänge die eigene Existenz viel stärker von der Entscheidung der Kampfrichter, von Werbeeinnahmen und vielem mehr ab.
„Mehr verdient, als wenn ich gewonnen hätte“
Conlan boxte bei den Olympischen Spielen 2012 in London und blieb weitere vier Jahre Amateur, verbunden mit der Hoffnung, eine Goldmedaille anschließend in eine lukrative Profikarriere ummünzen zu können. Gold bekam er 2016 nicht, aber immerhin startete Conlan wenig später eine lukrative Profikarriere. Bereut hat der „Stinkefinger-Boxer“ die zusätzlichen vier Jahre aber nicht, denn sein Wutausbruch hat ihn damals berühmt gemacht.
„Dass ich in Rio nicht die Goldmedaille gewonnen habe, hat mir, glaube ich, mehr Geld eingebracht, als ich verdient hätte, wenn ich sie gewonnen hätte.“ Somit wurde er berühmt, bevor er überhaupt einen einzigen Schlag als Profi ausgeteilt hatte. „Ich bin nach Amerika gereist und habe bei meinem Debüt die Arenen ausverkauft. So etwas passiert nicht einmal einem Goldmedaillengewinner.“
Spielerei ist nicht sein Ding
Doch der Amateur-Weltmeister von 2015 (Bantam) wollte den Mittelfinger nie wirklich monetarisieren. Obwohl über Merchandise-Artikel wie T-Shirts und Schaumstoffhände gesprochen wurde. „Ich könnte das wahrscheinlich immer noch tun“, sagt Conlan. „Denn – kein Scherz – überall, wo ich hingehe, wollen die Leute immer ein Foto von mir, wie ich diese Geste mache.“ Auch wenn er zustimmt, so möchte er als Boxer nicht darauf reduziert werden.
Womöglich fänden Schaumstoffhände mit ausgestrecktem Mittelfinger am 3. September in der 3Arena von Dublin immer noch reißenden Absatz. „Das wäre lustig“, lächelt Michael Conlan. „Aber es ist nur eine Spielerei, und ich möchte mich im Kampf gegen Bateson nicht auf Spielereien festlegen.“
Text: Frank Schwantes