Emanuel Odiase, Schwergewichtler von „Ringside Zone“, spricht über seinen zehnten Sieg im zehnten Fight – und seinen klaren Fahrplan Richtung WM‑Titel.

Freitagabend, 20. März, Hamburger Fischauktionshalle, Kick-off 2026 der Promotion „Ringside Zone“. Emanuel Odiase (10–0, 8 K.o.) setzt sich gegen den erfahrenen Ukrainer Kostiantyn Dovbyshchenko (10–20–1, 7 K.o.) klar durch – einstimmig nach Punkten, dreimal 80:72. Der ambitionierte Heidelberger, der in England trainiert, macht einen wichtigen Karriereschritt. Im Backstage-Gespräch mit BOXSPORT erklärt Odiase direkt nach dem Kampf, warum dieses Acht‑Runden‑Duell lehrreicher ist als jeder schnelle Knockout.
„Viel Material zum Studieren“
Emanuel, wenn du die acht Runden direkt nach dem Kampf Revue passieren lässt – noch voller Adrenalin –, ist der Gameplan aufgegangen? Wie hast du die einzelnen Runden gesehen?
Emanuel Odiase: Ich finde, ich habe in vielen Runden gut hinter meinem Jab gearbeitet und versucht, Lücken zu reißen. Ich wollte Kombinationen zum Kopf setzen, aber er ist ein sehr erfahrener Mann und hat seine Deckung gut gehalten. Es war schwer, ihn zu knacken. In einigen Runden bin ich gut durchgekommen, auch zum Kopf. Insgesamt war es eine zähe Angelegenheit, aber für mich eine wichtige Erfahrung. Ich habe es auch im Ring nach dem Fight gesagt: Jeden Kampf in der ersten oder zweiten Runde zu beenden, bringt mir langfristig nicht viel – außer einen schönen K.o.-Rekord. Deshalb nehme ich diesen Kampf sehr gerne mit.
Wie ist das: Ist ein Acht-Runden-Kampf in der Analyse nachhaltiger als ein schneller Sieg nach 30 Sekunden? Hat das einen echten Mehrwert?
Auf jeden Fall. Man hat viel Material, das man studieren kann. Und für mich ist es wichtig, diese acht Runden durchzuziehen. Wenn ich irgendwann um die WM kämpfe, geht es über zwölf Runden. Dafür ist das perfekt. Vor allem, weil mein Gegner am Ende noch einmal richtig gekommen ist. Er hat am Anfang langsam gemacht, seine Kraft eingeteilt – und am Ende Druck aufgebaut. Genau das habe ich gebraucht, und es hat mir auch Spaß gemacht. Den Fans offensichtlich auch.
„Wir sind auf einem guten Weg“
Es war spürbar, dass zwischen Ring und Publikum in den Momenten des offenen Schlagabtausches der Funke übergesprungen ist. Hast du das auch so wahrgenommen?
Die letzten zehn Sekunden habe ich das deutlich gespürt, das Publikum hat den Schlagabtausch gefeiert. Zwischendurch war es etwas ruhiger, weil er wenig geschlagen hat und sich seine Kräfte eingeteilt hat. Aber vom Tempo her fand ich es gut. Sicher, da geht noch mehr, aber wir sind auf einem guten Weg.
Lass uns kurz zurückblicken: Du kommst aus einer sehr boxorientierten Familie, hast aber erst mit 16 Jahren angefangen. Wie sehr ist das ein Handicap – gerade ohne große Amateurlaufbahn?
Ich hatte durchaus eine Amateurlaufbahn, habe etwa 30 Amateurkämpfe gemacht. Ich boxe mittlerweile seit mehr als zehn Jahren und fühle mich nicht mehr wie ein Anfänger, sondern wie ein erfahrener Boxer. Was mir damals extrem geholfen hat, waren die Sparringscamps mit Weltmeistern.
„Camp Life – genau so muss es sein“
Dazu kommen wir gleich. Zuvor: Du bist nach England gegangen. Was hast du dort sportlich gefunden, was dir offenbar in Deutschland gefehlt hat?
Ich glaube, es liegt weniger am Land als an meinem Trainer. Ich habe Joby Clayton im Camp von Anthony Joshua kennengelernt – und von Tag eins war die Chemie da. Seine Art, Boxen zu vermitteln, passt perfekt zu mir. Als ich 2023 Profi wurde, war für mich klar, dass ich den Weg mit ihm gehen will. Seitdem habe ich einen riesigen Sprung gemacht.
Kannst du das ein bisschen greifbarer machen – technisch, taktisch, mental?
Joby lebt den Boxsport. Er ist ein wandelndes Boxlexikon, kennt jeden Boxer der Vergangenheit. Er ist so tief in der Materie drin und gibt mir diese Liebe zum Sport in jeder Einheit mit. Wir nennen es nicht Training, sondern „Progression“. Wir trainieren nicht nur Muskeln, wir verbessern uns in jeder Einheit. Das bedeutet mir sehr viel.
Ihr lebt und trainiert in Wolverhampton. Die Stadt ist keine Metropole wie London. Wie ist das Umfeld dort für dich?
Für mich ist es perfekt. Es gibt keine Ablenkungen. Ich bin im Gym, gehe nach Hause, esse, schlafe – und wieder zurück ins Gym. Camp Life. Genau so muss es sein.
„Man lernt, im Moment zu sein“
Noch einmal kurz zum Sparring: Das ist qualitativ natürlich etwas anderes, wenn man mit Anthony Joshua oder Oleksandr Usyk unter einem Dach trainiert. Was nimmt man da wirklich mit?
Sehr viel. Man sieht den Lifestyle, die Mentalität, das Mindset von Champions. Als ich bei Usyk im Camp war, habe ich mich beim Essen einfach neben ihn gesetzt, um zuzuhören, seine Energie zu spüren. Das bringt unglaublich viel. Man lernt, im Moment zu sein.
Wie siehst du das: Erleben wir seit dem famosen Auftritt von Agit Kabayel im Januar in Oberhausen vor vollem Haus einen kleinen neuen Box-Hype hierzulande?
Der Boxsport lebt wieder in Deutschland. Wir merken das. Und wir haben mit Ringside Zone ein Format, das es so noch nicht gegeben hat. Wir haben jetzt die Plattform, um mit dem richtigen Medienpartner im Rücken Reichweite zu erzielen – und zwar in jeder Altersklasse. Das ist wichtig.
„Unter Druck kann ich am besten performen“
Dein nächster Fight steht schon fest: am 15. Mai in der SAP Arena in Mannheim. Dein Titelkampf um die Europameisterschaft wird das Main-Event der Ringside-Zone-Veranstaltung sein. Bedeutet das zusätzlich Druck für dich?
Nein, ich bin Druck gewohnt. Ich komme aus einer sehr leistungsorientierten Familie. Auf hohem Level Sport zu treiben beziehungsweise zu boxen, war immer mein Ziel. Und ich denke, dass ich unter Druck am besten performen kann.
Fraglos, du strebst nach oben, willst was reißen für den deutschen Profi-Boxsport. Wie viel Zeit gibst du dir für die ganz großen Fights?
Ich habe schon oft gesagt 2027. Das ist zeitlich sehr nah. Ich habe jetzt zehn Kämpfe, zehn Siege. Ab dem 14. oder 15. Fight ist es für mich realistisch, um einen WM-Titel zu kämpfen. Klar, vieles wird davon abhängen, was in der Schwergewichtsszene passiert, ob Usyk als Mehrfach-Weltmeister abtreten wird. Aber ich werde bereit sein.
Interview: Oliver Rast