Bevor ich loslege: Ich freue mich sehr, dass du hier bist, um meine Kolumne zu lesen. Es wird chaotisch, lustig, aber hauptsächlich 100 Prozent echt. Ich werde von vielen Anekdoten und Erfahrungen aus dem Boxen berichten, aber dir auch spannende Insights in meinen alltäglichen Wahnsinn geben. Und jetzt heißt es: Ring frei!

Am Samstag steigt Tyson Fury erneut in den Ring – und dieses „erneut“ ist dabei entscheidend, denn es ist bereits sein drittes offizielles Comeback. Fury ist jemand, der nicht nur Extreme erlebt, sondern sie auch verkörpert. Einerseits ist er der Entertainer: Er singt im Ring, provoziert bei Presseterminen und inszeniert sich mit nahezu theatralischer Selbstinszenierung – das sind die manischen Momente in seinem Leben.
Auf der anderen Seite steht jedoch ein anderer Mann. Fury hat in den vergangenen Jahren alles erzählt, worüber viele Sportler ungern in der Öffentlichkeit reden. In der Serie „At home with the Furys“ spricht er über Depressionen, Angstzustände und eine bipolare Störung. Er erzählt von Nächten, in denen er nicht wusste, ob er überhaupt weitermachen will, und von Phasen, in denen er sich selbst verloren hat – im Alkohol, in Drogen und dunklen Gedanken. Vielleicht ist genau das einer der bemerkenswertesten Teile seiner Karriere: nicht die Comebacks an sich, sondern dass er sie erklärt, ohne sie vollständig erklären zu können.
Wenn man seine Geschichte kennt, wirken seine Rücktritte kaum wie endgültige Abschiede, sondern eher wie Pausen. Es sind Versuche, Ordnung in sein inneres Chaos zu bringen. Für Fury scheint das Ende nie ein klarer Punkt zu sein, sondern ein Zustand, den er offenbar nicht lange aushält. Fury selbst nennt sein Training seine Medizin. Das deutet darauf hin, dass der Ring für ihn nicht nur eine Bühne ist, sondern ihm auch eine Struktur bietet, die für seine mentalen Schwierigkeiten essenziell ist.
Keinen Bock auf Karriereende
Für Sportler, die solch einen Erfolg genießen und gelernt haben, sich über Extreme zu definieren, wirkt das gewöhnliche Leben schnell flach und fast bedeutungslos. Gerade für Personen wie Tyson Fury, die bereits eine hohe Vulnerabilität mitbringen, ist es nahezu klar, dass sie die Stille nach einem Karriereende nicht ertragen können und wollen.
Es entsteht eine Dynamik, die sich immer wieder selbst antreibt: Rückzug, Zweifel, neuer Fokus, ein Comeback. Kein sauberer Schnitt, sondern ein Kreislauf. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik – und gleichzeitig die Faszination. Fury kann nicht einfach aufhören. Für ihn bedeutet das Aufhören nicht nur das Ende seiner Karriere, sondern auch das Ende eines Zustands, in dem, so chaotisch es auch sein mag, zumindest alles einen Sinn ergibt. Am Ende bleibt die Frage: Was, wenn manche Menschen gar nicht dafür gemacht sind, endgültig aufzuhören?
Sarah Liegmann
Sarah Liegmann wurde am 26. Januar 2002 in Bonn geboren. Die Federgewichtlerin boxt seit 2021 als Profi, trainiert und lebt in Deutschland und in den USA. Liegmann alias „The Princess“ ist amtierende WBC-Junioren-Championesse. Zudem sicherte sich die frühere Kickboxerin den WM-Gürtel des Verbandes WBF.
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